Ein Rückblick als Ausblick ODER: 2 Jahre AG-Leben

Ein Jubiläum eignet sich immer dafür, auf die vergangene Zeit zurückzublicken und gleichzeitig zu überlegen, wohin die Reise noch gehen könnte; was hat man erreicht und was will man vielleicht noch erreichen?

Nun ist die AG „Politische Theorie“  erst rund zwei Jahre, also noch nicht so alt – an der Entwicklung eines Menschen gemessen, hätte die AG jetzt einen Wortschatz von 50 bis 150 Wörtern, könnte laufen, würde zunehmend eine Feinmotorik entwickeln und sich als Person, als „Ich“, immer stärker wahrnehmen. Auch wenn man sich natürlich fragen muss, wer diese „AG“ eigentlich ist, weil es doch eigentlich Personen sind, die der AG Leben einhauchen, sind manche Parallelen doch erstaunlich. Was passiert wenn man die AG-Geschichte als Entwicklungsgeschichte eines neu geborenen Menschen betrachtet?

Sprechen lernen

Als die AG an einem ziemlich verregneten Tag an der Uni Göttingen im November 2012 gegründet wurde, war wohl allen Teilnehmenden noch recht unklar, ob sich aus dem Treffen mehr entwickelt. Schließlich kamen rund 10 Studierende von sieben verschiedenen Unis zusammen, man lernte sich kennen, diskutierte und plante, was und wie eine AG Politische Theorie sein könnte. Im Januar 2013 wurde die AG der (digitalen) Öffentlichkeit vorgestellt. Man startete einen eigenen Blog und begann, sich via Mailverteiler zu verständigen, Worte zu formulieren, zu sagen, wie man sich selbst sieht („Über uns„).Mit einem ersten Blogbeitrag zu Herbert Marcuse sagte man der Welt ‚Hallo‘. Dabei sollte es nicht bleiben und so wurde kurz darauf das Projekt ‚digitaler Lesekreis‘ gestartet und mit dem Diskutieren des BändchensKritik der Politischen Philosophie“ von R. Geuss gestartet. Die AG lernte sich auszudrücken, Sätze zu formulieren, Gedanken zu artikulieren. Trotz eines spannenden Lesekreises stellte sich schnell die Frage: Kann das funktionieren, ist die Ausdrucksweise so frei wie man sich das wünscht, wie kann Kommunikation verbessert werden? Und so kam der Gedanke: Wenn die Gedanken zwar da sind, aber nicht so recht fließen, dann muss die AG fließen, sprich, laufen.

Laufen lernen

Es hieß raus in die Welt, die Welt der Politischen Theorie erkunden. Also wurde der Entschluss gefasst, sich möglichst mehrmals im Jahr zu treffen, damit die AG „kommunikativ-praktisch handelt“. Ob im März 2013 in Bremen, Juli 2013 in Hamburg oder im Mai 2014 in Kassel, die AG versuchte ein Forum zu schaffen, damit theoretische Texte einen Raum oder besser einen Ressonanzraum erhalten und die Gedanken und Ideen direkt und unvermittelt fließen konnten. Der Widerhall der Argumente und der verschiedenen Positionen wurde damit zum wichtigen Merkmal der AG. Teile der AG nahmen immer wieder Zeit und Geld in die Hand, um sich zu treffen. Dabei lief die AG nicht nur zu eigenen Treffen, sondern auch gemeinsam auf die DVPW-Theorietagung zu ‚Animal Politics‘ in Hamburg im März 2014 oder der nachfolgenden Tagung in Göttingen zu ‚Klassiker/innen jenseits des Mainstreams‚ im September 2014. Die AG fuhr, lief und saß in verschiedenen Räumlichkeiten, um sich über Politische Theorie auszutauschen, zu informieren und neue politik-theoretische ‚Gehhilfen‘ für die weitere Entwicklung zu entdecken.

Feinmotorik entwickeln

Nachdem die AG also sprechen und laufen konnte, ging es darum, sich Dinge greifen zu können, diese nach eigenen Vorstellungen zu bearbeiten und ggf. auch zu verändern. So wurde nicht nur nach einem Jahr das Design des AG-Blogs verfeinert, sondern es kamen auch neue Kategorien hinzu und im Januar 2014 ergriff man die sozialen Netzwerke. So empfiehlt die AG verschiedene Nachschlagewerke für die Politische Theorie, verlinkte immer öfter auf politiktheoretisch-relevante Videos im Netz und verwieß auch auf kleinere Geschehnisse und Gegebenheiten, wie z. B. den überraschenden Tod von Ernesto Laclau im April 2014 oder die tolle Dokumentation zu Michel Foucaults 30. Todestag. Die AG reflektierte jedoch auch ihr eigenes Wirken und die Fähigkeit via Blog zu kommunizieren. In verschiedene Felder der Politischen Theorie blickte man und ließ sich durch gemeinsame und unterschiedliche Interessen auf spannende Bücher und Veranstaltungen hinweisen. Obendrein wagte man sich vom Oktober 2013 bis zum Januar 2014 an das Auseinanderbauen und wieder zusammensetzen des Sammelbandes „Demokratie? Eine Debatte„. Jedes Kapitel des Buchs wurde gelesen und teils sehr intensiv diskutiert. Die AG lernte und stellte sich dem Gegenstand  – Politische Theorie – offen aber nicht unkritisch gegenüber. So kam es auch zur regen Debatte, ob Angela Merkel die bessere sozialdemokratische Kanzlerin sei.

„Ichs“ ausbilden

Die AG auf eine Persönlichkeit zu reduzieren wäre falsch und würde ihr selbst nicht gerecht werden. Sie hat viele Köpfe, noch mehr Hände und Beine und besteht aus unzähligen Gedanken. Hat sie trotzdem ein Ich? So scheint es jedenfalls, als sie im Frühjahr 2014 beschloss, die DNGPS-Fachtagung für 2015 ausrichten zu wollen. Umgehend rauchten im Mai 2014 in Kassel die AG-Köpfe, um der Konferenz ein Thema zu geben. Nach einem wahren Hürdenlauf voller Ideen, Abzweigungen, Rückwegen und Sackgassen (und Kaffee), steht das Thema: „Irgendwas mit Herrschaft und Widerstand„. Demokratietheoretisch abgesichert durch ein einstimmiges Votum auf der DNGPS-Mitgliederversammlung, machte sich die AG auf den Weg ein „Ich“ in Form der Konferenz und dessen Thema auszubilden. Schließlich will so ein „Ich“ auch relativ stabil, belastbar, aber trotzdem anziehend und angenehm sein. Deshalb feilte man lange, und als Anfang Oktober 2014 der Call for Papers für die Tagung steht, war die AG glücklich und wusste was sie wollte. Konfrontiert mit einem sehr großen Interesse am Konferenz-„Ich“ und der Ausdifferenzierung der Konferenz-Identität in Form von Panels, Konferenzveranstaltungen und Kontextfaktoren reflektiert(e) die AG immer wieder ihr eigenen „Ichs“ und brachte sie in relativen Einklang miteinander.

Gleichzeitig demonstrierte sie auch, dass jedes „Ich“ aus mehreren „Ichs“ besteht und veranstaltete von August 2014 bis Januar 2015 unter der Rubrik „offene Textrunde“ ein monatlich stattfindendes Forum, in dem jeweils ein Mitglied der AG einen Text vorstellte, den sie oder er gerade besonders spannend fand. Von Foucault über Gorz bis Deleuze und Machiavelli ging die tour de politique und die AG zeigte einmal mehr wie wandlungsfähig und interessant sie ist. Und wer brauch schon ein „Ich“ wenn es viele „Ichs“ haben kann?!

Und nun, was tun?

Mit Ernst Bloch ließ sich wohl abschließend sagen: „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“ (aus: Tübinger Einleitung in die Philosophie). Danke AG „Politische Theorie“ also für zwei Jahre Raum  für Debatten und Diskussionen, Kritik und Konsens. Wir stecken noch in den Kinderschuhen und deshalb sollten wir auch weiterhin das tun and ‚werden‘, was wir wollen!

Veröffentlicht von

Stefan Wallaschek

Stefan Wallaschek

hat in Halle, Amsterdam und Bremen Politikwissenschaft und Ethnologie studiert. Er promoviert zu Solidarität in Europa in Zeiten der Krisen an der Bremen International Graduate School of Social Sciences (BIGSSS)/Universität Bremen. Zuletzt veröffentlichte er in der Zeitschrift für Politische Theorie den Artikel "Chantal Mouffe und die Institutionenfrage" (Heft 1/2017).

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