Politische Theorie oder politische Theorie? (Teil III)

Von Clelia Minnetian, Frederik Metje, Janosik Herder & Verena Häseler

Panel 5: Heterogenität des Politischen

Das fünfte Panel befasst sich mit dem Thema der Heterogenität des Politischen. Jeanette Ehrmann beschäftigt sich mit der Haitianischen Revolution mit dem Ziel einer Dekolonisierung des Politischen. Im zweiten Vortrag präsentieren Sebastian Huhnholz und Karsten Fischer ihre Überlegungen zum Politischen und der Orestie. Abschließend geht Alexander Weiß auf den Begriff des Politischen bei Wang Hui und Chantal Mouffe ein und präsentiert ein schematisches Modell mit dem Ergebnis, dass sowohl der Maoismus als auch der Liberalismus entpolitisierend wirken, da beide zu schwindender Resonanz und Kontingenz führen.

Vortrag: Martin Nonhoff: Radikale Demokratie oder Populismus? Spielarten des Politischen in der Hegemonietheorie

Martin Nonhoff fokussiert in seinem Vortrag die Unterscheidung zwischen radikaler Demokratie und Populismus, wobei er sich gegen die Verwendung des Populismusbegriffes für neue emanzipative politische Projekte ausspricht, wie dies etwa durch Chantal Mouffe vertreten wird. Denn – so seine These – besteht zwischen dem Populismus und der radikalen Demokratie zwar eine gewisse Ähnlichkeit, allerdings zeigen sich bedeutende Unterschiede in Bezug auf das Herrschaftsverständnis. Radikaldemokratische Perspektiven Politische Theorie oder politische Theorie? (Teil III) weiterlesen

Subjektivierungsforschung quo vadis? Auf holprigen Wegen zwischen Kollektiv und Individuum

Tagungsbericht zu: Jenseits der Person. Die Subjektivierung kollektiver Subjekte, 06.-08. April in Leipzig

Von Frederik Metje, Clelia Minnetian, Daniel Staemmler und Ferdinand Stenglein

 

Unter dem Stichwort Jenseits der Person hatten Thomas Alkemeyer (Oldenburg), Martin Saar (Leipzig), Ulrich Bröckling und Tobias Peter (beide Freiburg) nach Leipzig geladen, um dort die Frage nach der Konstitution und Organisation von Kollektiven aus der Perspektive der Subjektivierungsforschung zu stellen.

Das Panorama der drei Tage bildete neben den Räumlichkeiten der Biblioteca Albertina eine grundlegende Feststellung: Untersuchungen von Subjektivierungsweisen mögen mittlerweile zwar fest zur sozialwissenschaftlichen Forschungslandschaft gehören, jedoch begrenzen sie sich oftmals auf Individuen. Demgegenüber erscheinen aber gerade Organisationen, Netzwerke und Gemeinschaften als Subjektivierungsmotoren entlang der Imperative von Teambildung und Kooperation sowie der Pluralisierung von Selbstentwürfen. Sie geben Anlass, den Blick nicht nur auf die Subjektivierung in, sondern ebenso von Kollektiven zu richten.

Zur Begrüßung gaben Ulrich Bröckling und Frank Alkemeyer jeweils einige subjektivierungs- bzw. Subjektivierungsforschung quo vadis? Auf holprigen Wegen zwischen Kollektiv und Individuum weiterlesen

Louis Althusser: Ideologie und ideologische Staatsapparate

1 Über die Reproduktion der Produktionsbedingungen

Althusser beginnt seinen Aufsatz mit einer marxistischen Setzung: Jede Gesellschaftsformation beruht auf einer dominierenden Produktionsweise, wobei der Produktionsprozess „die bestehenden Produktivkräfte in und unter bestimmten Produktionsverhältnissen in Bewegung setzt“ (109). Um zu überleben muss die Gesellschaftsformation die Produktivkräfte und die Produktionsverhältnisse reproduzieren. Damit meint er jedoch nicht nur die Produktionsmittel, sondern insbesondere auch die Arbeitskraft, deren Reproduktion primär außerhalb des Betriebes erfolgt. Dies ist zum einen durch den Lohn gegeben, aber auch hier wird deutlich, dass Althusser einen anderen Schwerpunkt setzen möchte – denn es geht ihm um die ‚Kompetenz‘ der Arbeitskraft, damit sie im System des Produktionsprozesses eingesetzt werden kann. Diese findet nicht mehr in erster Linie in der Produktion statt, sondern durch das kapitalistische Schulsystem (111). Man erlerne dort gewisse Fähigkeiten und die Regeln des ‚Anstands‘ (112) – und damit die Einordnung in das bestehende System („Unterwerfung unter die herrschende Ideologie“ (112)). Damit betont er die Wirksamkeit einer neuen Realität: Louis Althusser: Ideologie und ideologische Staatsapparate weiterlesen

Foucault gibt es nicht im Singular

Tagungsbericht zu: Überwachen und Strafen heute, 05.-07. November in Bremen

von Clelia Minnetian, Janosik Herder und Stefan Wallaschek

Zum 40-jährigen Jubiläum von Michel Foucaults Buch Überwachen und Strafen organisierten Frieder Vogelmann, Jörg Bernardy und Martin Nonhoff eine Tagung in Bremen zur Frage der Aktualität der dort formulierten Thesen. Welche Rolle spielen heute noch die Disziplinarmacht oder das Panopticon unter der Annahme, dass ganz neue Techniken wie die neoliberale Steuerung zur Selbststeuerung zum Einsatz kommen oder ältere Strafpraktiken des öffentlichen Prangers wieder vermehrt festzustellen sind? Dass der Tagungsort mit zwei sich gegenüberliegenden Glasfronten selbst einem Panopticon ähnelte und die Tagung für ein weiteres Filmprojekt von Christoph Faulhaber komplett aufgezeichnet wurde – dessen letzter Film Jedes Bild ist ein leeres Bild auf der Tagung zu sehen war –, konnte in einem foucaultschen Sinne wiederum als interessanter Verweis auf gegenwärtige Überwachungstechniken wie auch auf die gesellschaftlichen Wünsche nach Transparenz, Offenheit und Datenakkumulation verstanden werden.

Donnerstag – Subjektivierung, Panopticon und Scham

Die beiden ersten Vorträge beschäftigten sich mit der neuen Subjektform des digitalen Subjektes, die mit der medialen Entwicklung aufgekommen ist. So aktualisierte Susanne Krasmann die neuen Formen des Sicht- und Sagbaren für das datenproduzierende Subjekt der Gegenwart. Ihre Annahme Foucault gibt es nicht im Singular weiterlesen

(Ohn)Macht des Subjekts in der Konsumgesellschaft?

In der Wochenzeitung „Der Freitag“ ist von einer Gastautorin über „FairTrade“- und „Bio“-Produkte geschrieben worden. Vor allem geht es ihr um die Desillusionierung eines „Ethischen Einkaufens“ und der Moral in der Wirtschaft, welche durch solche Kennzeichen das Verantwortungsbewusstsein von Unternehmen zeigen sollen (häufig auch als CSR – Corporate Social Responsibility – bezeichnet). Folglich habe der/die einzelne Konsument/in keine reale Macht, sondern diese sei bloße Illusion.

Zitat: „Mit der Forderung, verantwortungsbewusst und ethisch zu konsumieren, werden […] Zusammenhänge verschleiert. Die Schuld wird auf den Verbraucher abgeschoben, während die grundlegenden Strukturen des Systems […] nicht angetastet werden.“

Bedeutet dies einen „Abschied vom Subjekt“, weil die/der Einzelne eh nichts ändern könne (jedenfalls nichts grundlegendes)? Wozu überhaupt noch von „Subjekten“ reden, wenn wir eigentlich nur noch „unmündige KonsumentInnen“ sind? Hieße das dann im Umkehrschluss die Hinwendung zu einem strukturalistischen Denken? Müssen wir also die Struktur analysieren und daraus theoretische und praktische Schlüsse ziehen, weil wir dieser zwangsläufig und allumfassend unterworfen sind? Und würde das nicht sogar für die Politische Theorie und Philosophie bedeuten, dass es nur darum ginge, Macht- und Herrschaftsverhältnisse in den Blick zu nehmen; moralische Aspekte könnten als sekundär abgetan werden?