„Klassiker sein oder nicht sein, ist das hier die Frage?“ Tagungsnotizen zur Göttinger Theorie-Herbsttagung der DVPW

Von Stefan Wallaschek, Tobias Heinze und Frederik Metje

Die Herbsttagung der DVPW-Sektion „Politische Theorie und Ideengeschichte“ fand vom 16. bis 18. September an der Uni Göttingen statt und wurde durch die Professoren Samuel Salzborn und Walter Reese-Schäfer organisiert. Thema der Tagung war „‘Die Stimme des Intellekts ist leise‘. Klassiker/innen des politischen Denkens abseits des Mainstreams“. Hierzu fanden sich etwa 80 Interessierte in Göttingen ein, um dem bunten Programm zu folgen.

Doch wie, so Reese-Schäfer, lässt sich überhaupt bestimmen, wer Klassiker_innen-Status hat. Warum werden Werke zu Klassikern und welche Exklusionsmechanismen für andere Denker_innen und deren Werke folgen daraus? Können also Klassiker_innen abseits des Mainstreams bestehen oder macht nicht vielmehr der Mainstream sie zu eben diesen? Der erste Vortrag, gehalten von Marcus Llanque (Augsburg), widmete sich dann auch eben diesen Fragen.

Llanque bemerkte, dass er den Klassiker-Status eher an Texte als an Personen vergeben würde und definierte Klassiker als Texte, die permanent rezipiert werden, d. h. einer intensiven Auseinandersetzung ausgesetzt sind. An den Beispielen einer Foucault‘schen Rezeption des „Ersten Alkibiades“ von Plato und der Rezeption des griechischen Denkers Xenophon durch Leo Strauss versuchte Llanque verschiedene Rezeptionsgeschichten darzulegen und drei Gründe für diese zu diskutieren. Der historische Grund ist das bessere Verständnis der Vergangenheit, der philosophische ist ein mögliches Alternativdenken zum bestehenden Diskurs und der politiktheoretische Grund für eine Rezeption wurde vom Vortragenden als die Reaktion auf gegenwärtige Politikpraktiken und -diskurse bezeichnet; besitzt also eine gewisse zeitdiagnostische Dimension. Eben diese Gründe und deren Plausibilität standen dann auch im Mittelpunkt der nachfolgenden Diskussion.

Im zweiten Vortrag, gehalten von Alexander Weiß (Hamburg), ging es um eine kritische Geschichte der Demokratie(theorie). So zeigte er anhand historischer Lexikon- und Enzyklopädie-Einträge zum Begriff der Demokratie, wie unterschiedlich deren geografische Verortung war und rekonstruierte die Notwendigkeit einer Geschichte der Geschichte der Demokratie. Auch wenn Weiß‘ Kritik des Eurozentrismus in der Demokratietheorie berechtigt ist, wurde im Vortrag nicht deutlich, wann und wie er sich jeweils auf Theorien der Demokratie und wann er sich auf konkrete Demokratien bezog.

Im abschließenden Vortrag durch die Organisatoren wurde anhand einer Analyse von deutsch-sprachigen Einführungswerken in die politische Theorie dargelegt, dass Aristoteles, Platon und Machiavelli die unbestrittenen Konstanten bzw. „Klassiker“ sind. Erst danach zeigt sich eine gewisse Pluralität und Diversität was Theorierichtungen und Denker_innen angeht.

Der zweite Tag der Tagung war vordergründig weniger Fragen der Rezeption politischer Theorien sondern einzelnen Personen gewidmet. Die Debatte jedoch wies über die vorgestellten Denker_innen hinaus und stellte die reflexive Selbstbetrachtung der Disziplin ins Zentrum – schließlich bergen die rekonstruierten Rezeptionshindernisse auch Informationen über das methodische Vorgehen in der ideengeschichtlichen Forschung.

Harald Bluhm (Halle) begann mit der Vorstellung zweier feministischer Adaptionen der Moralphilosophie Adam Smiths. Trotz zahlreicher von Frauen vorgelegter Monographien in der Vergangenheit fehle gerade der Politikwissenschaft eine ‚Ideengeschichte der Frauen’, so Bluhm. Sophie de Grouchy (1764-1822) und Harriet Martineau (1802-1876) dienten ihm dann als Beispiele für zwei Anschlüsse an das Werk Adam Smiths. Fruchtbare Grundlagen für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung bieten dabei sowohl die eher anthropologisch orientierte Lesart de Grouchys als auch die sozialwissenschaftliche Lesart Martineaus. Erstere präsentierte eine Form der Diskussion von Smiths Werken, die heute auf Fragen nach Care-Arbeit im Kontext politischer Partizipation anwendbar wären. Martineau hingegen theoretisierte mit eher sozialwissenschaftlichem Anspruch das Verständnis wechselseitiger Beobachtungsverhältnisse Smiths und erschloss so den Gegenstand Tocquevilles – die Demokratie in den USA – auf Grundlage von Beobachtungen in Form von Reiseberichten. Sie arbeitete nicht nur mit einem anderen Repertoire als Tocqueville, sondern kam auch zu einem anderem Ergebnis als er und zieht so seine Deutungshoheit in Zweifel.

Als gleichsam auf den Gegenstand der Disziplin wie auf die Frage der Tagung anwendbar erwies sich die von Antonia Schmid (Potsdam) vorgestellte Repräsentationstheorie Hanna Fenichel Pitkins. Pitkin sieht in den Repräsentationsdiskursen der Ästhetik dieselben Mechanismen am Werk wie im Rahmen des Problems politischer bzw. demokratischer Repräsentation: Ihre bereits 1967 (und damit ca. 20 Jahre vor der Weiterführung des Gedankens durch Spivak) vorgestellte Unterscheidung zwischen Repräsentieren als Vertreten und Repräsentieren als Darstellen öffnet den Raum für eine anschlussfähige Analyse deskriptiver, respektive symbolischer Repräsentationen. Erstere konstituieren sich durch einen Abbildcharakter, wie er für Parlamente beansprucht wird. Symbolische Repräsentation hingegen basieren auf arbiträr gewählten Relationen. Sie eröffnen den Raum für affektive Momente und symbolische Konventionen. Dieses Instrumentarium, so Schmid, bietet auch die Möglichkeit nachzufragen, wen oder was eigentlich die Denker_innen in den Diskursen der politischen Theorie repräsentieren – z. B. Pitkin für die deutsch-jüdische Intellektuellenemigration im 20. Jahrhundert.

Sebastian Edinger (Potsdam) stellte in seinem Vergleich von Michel Foucault und Panajotis Kondylis ein weiteres Kriterium für die Frage nach Rezeptions- und Kanonisierungshindernissen dar. Während Foucault die Etappen der stratifizierten französischen Bildungslandschaft nachgerade konformistisch beschritt, steht Kondylis für einen Bruch mit dieser Bereitschaft der Kooperation. Seine phasenweise ohne Zitationen auskommenden Veröffentlichungen bergen jedoch Argumentationsfiguren, deren Entstehung durch den konsequenten Nonkonformismus erst ermöglicht wurde. Die von ihm thematisierte planetarische Politik, ein entgegen der Biopolitik weniger auf den Einzelnen sondern auf den planetarischen Maßstab fokussierendes Konzept, wurde kaum rezipiert, geschweige denn kanonisiert.

Dass in den Rezeptionsgeschichten und weniger in den Personen ein Hindernis für Kanonisierung und Rezeption liegen können, demonstrierte Ina Kerner (Berlin). Sie zeigte auf, dass die Arbeiten Frantz Fanons nicht (nur) als Gewalt- und Revolutionstheorien zu verstehen sind – wie es beispielsweise die RAF tat –, sondern im Rahmen der Debatte über die dekoloniale Option diskursfähig sind. Kerner verwies auf die Auseinandersetzung mit Geschlecht als kolonialem Differenzmarker bei Fanon. Dieser bietet Anhaltspunkte für eine Analyse von Legitimationsstrategien westlich-kolonialer Interventionen im Kontext der Missachtung von Rechten der LGBTQI+-Gruppe. Darüber hinaus zeigt die Rassismusanalyse Fanons Möglichkeiten auf, die epistemischen Absicherungen von Machtungleichgewichten auch im heutigen Diskurs der Aufwertung von Differenz – so z. B. der marktwirtschaftlichen Nutzung des Diversitydenkens – nachzuvollziehen.

Stärker biographisch fokussiert war der Beitrag von Andreas Busen (Hamburg) über den Aufstieg und das Verschwinden von Ibn Khaldun (1332-1406). Dessen Werk wurde kurz nach der Entdeckung ausführlich und überschwänglich besprochen – und danach wieder fallen gelassen. Mehrere Gründe für diese Marginalisierung rekonstruierte Busen. Die arabische Sprache des Originaltextes und die vergleichsweise starke Verortung im ‚islamischen Denken’ stellten ein Hindernis für die Kanonisierung und Rezeption des Werkes dar. Die zuerst durch die Orientalist_innen erfolgte Rezeption ging mit einer für die Wahrnehmung des theoretischen Gehalts von Khalduns ‚Buchs der Beispiele’ eher abträglichen Personalisierung einher. Der Beitrag, so stellte es sich in der Diskussion heraus, bot eine Grundlage zur Anwendung der von Llanque am Vortag eingeführten Unterscheidung zwischen ‚guter und schlechter’ Rezeption.

Bis zu welchem Grad die Einheit von Denkmodellen erst durch Auslassungen beschreibbar wird, demonstrierte Björn Goldstein (Münster) am Beispiel der Konzepte von ‚Osten’ und ‚Westen’. An Hand der Vorstellung des politischen Denkens von Mengzi (370-290 v. Chr.), Sri Aurobindo Ghose (1872-1950) und Periyar Ramasami (1879-1973) argumentierte er, dass Fortschrittsdenken und Rationalismus ebenso im vorchristlichen China wie in der sich selbst als aufklärerisch verstehenden europäischen Tradition auffindbar sind. Der Konfuziusschüler Mengzi hat durch seine Traditionskritik und das Verständnis von Politik als Partizipation selbstbestimmter Individuen in konstitutionellem Rahmen, das Potential als Grundlage für ein im Prinzip modernes Demokratieverständnis zu dienen.

Dass neben der an Herkunft festgemachten Zuordnung zu einem Denkmodell auch die Methode der ideengeschichtlich angeleiteten Rezeption Ein- und Ausschlüsse bedingt, zeigte Philipp Erbentrauts (Siegen) Plädoyer für eine Reflektion ideengeschichtlicher Methodik. Am Beispiel der vormärzlichen Parteientheorie zeichnete er nach, wie durch die Nutzung des auf Primärtexte fokussierten Quellenkorpus nicht-kanonische Denker strukturell vernachlässigt werden. Das Heranziehen eines verbreiterten Quellenkorpus entlang der Methodik Hans Rosenbergs kann jedoch genutzt werden, um zu zeigen, dass heutzutage Diskurse wiederholt werden, die in dieser Form auch in der Zeit von 1815 bis 1848 auffindbar waren; man denke an Parteiverbotsverfahren.

Dass Kanonisierung jedoch nicht nur seitens der Disziplin, sondern auch durch die betreffenden Autoren gestört werden kann, demonstrierte zum Abschluss des Tages Paul Sörensen (Augsburg) am Beispiel des Werks von Cornelius Castoriadis. Die regelmäßigen Brüche mit seinem Umfeld (so z.B. der Vierten Internationale) können als Ausweis für den Mangel zeitgenössischer Anknüpfungspunkte an sein Denken gewertet werden. Zuordnungskategorien wurden vermutlich erst durch die in den letzten Jahren erschienenen, mehr oder weniger einführenden, Werke zur politischen Differenz bzw. den ‚Neuen Philosophien des Politischen’ auch im deutschsprachigen Kontext geschaffen. Die Nutzung einer, wenn nicht durch eine Privatsprache, dann doch durch die in diesem Falle französische, nationale Wissenschaftssprache geprägten Semantik und damit der Verzicht auf eine rezeptionsstrategische Begriffsverwendung, standen einer Rezeption wohl ebenso im Wege.

Die Tagung wurde, nach Beiträgen von Hannah Bethke (Greifswald) und Daniel Schulz (Dresden) durch ein Abschlussplenum, besetzt mit Frauke Höntzsch (Augsburg), Sybille De La Rosa (Heidelberg) und Elisabeth Conradi (Stuttgart) abgeschlossen. Bethkes Rekonstruktion des verwaltungspolitischen Denkens Arnold Brechts und Schulz Vorstellung des Denkens eines globalen Kontraktualismus bei Anarchisis Cloots standen dabei in einer Reihe mit den Beiträgen vom Vortrag und stellten das Denken einzelner Personen in den Vordergrund.

Welche Rolle spielt bei der Kanonisierung randständiger Denker_innen Macht? Diese implizite Frage begleitete das Abschlussplenum. Höntzsch plädierte für einen rezeptionskritischen Ansatz und suchte Gründe für die Nichtberücksichtigung in der Textstruktur. So ist es vielleicht gerade die erhöhte Dichte an ‚Unbestimmtheitsstellen’, die es den Texten der liberalen Tradition politischen Denkens ermöglicht hat, stärker rezipiert zu werden als die Werke der republikanischen Gegenposition. De La Rosa verwies dagegen darauf, dass gerade die Arbeit der Archivare überprüft werden muss. Die Berücksichtigung widerständiger Texte bietet sich hier als Schlüssel zu einer herrschafts- und machtsensiblen Rezeption. Das Handwerkszeug dafür präsentierte Conradi. So gilt es – gedacht als nachholende Rezeption – im Quellenstudium archivarischen Materials zum Beispiels zu Berücksichtigen, wie der wissenschaftliche Diskurs durch die Marginalisierten dargestellt wurde und ob, gerade im Bezug auf Deutschland, Denker_innen die auf eine Re-emigration in die Bundesrepublik verzichtet haben, berücksichtigt werden können. Höntzsch wurde in der abschließenden Diskussion Machtvergessenheit vorgeworfen – allein das ‚Auszählen leerer Signifikaten’ würde keine Möglichkeit bieten, Marginalisierung zu rekonstruieren. Reese-Schäfer hingegen positionierte sich dem Hinweis auf eine vermachtete Invisibilisierung gegenüber kritisch und plädierte dafür, in der politischen Theorie rezeptionstheoretische und rezeptionsmethodologische Fragstellungen verstärkt zu thematisieren.

Mit Abschluss der Diskussion endete auch die Sektionstagung: Maginalisierte Autor_innen wurden in Göttingen neu aufbereitet und vor die Frage ihres ‚Verschwindens‘ gestellt. Geschlecht und Schreibstil scheinen dabei ebenso zum Tragen zu kommen, wie die Rezipient_innen und ihr historischer Kontext. Im Bemühen um ein Kategorisieren (gute und weniger gute, politische, wissenschaftliche oder verpönte Autor_innen), reflektierten die Teilnehmer_innen neben dem Einfluss von Archivaren auch ihren eigenen Beitrag zur Ausbildung eines Kanons. So bleiben nach drei Tagen viele Anregungen und ein Bündel an Faktoren, die wir konkretisiert in dem angekündigten Tagungsband wiederfinden werden.

Edit November 2015: Der Tagungsband Die Stimme des Intellekts ist leise ist mittlerweile im Nomos-Verlag erschienen.

Veröffentlicht von

Stefan Wallaschek

Stefan Wallaschek

hat in Halle, Amsterdam und Bremen Politikwissenschaft und Ethnologie studiert. Er promoviert zu Solidarität in Europa in Zeiten der Krisen an der Bremen International Graduate School of Social Sciences (BIGSSS)/Universität Bremen. Zuletzt veröffentlichte er in der Zeitschrift für Politische Theorie den Artikel "Chantal Mouffe und die Institutionenfrage" (Heft 1/2017).

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