Offene Textrunde (VI) – Niccolò Machiavelli „Discorsi“

Frohes Neues. Diejenigen unter Euch, die dieser Tage die Gelegenheit zum Bleigießen hatten, haben sich womöglich gerade einmal wieder über das Konzept des Schicksals aufgeregt. Den Lauf des eigenen Lebens oder der Dinge überhaupt als bereits feststehend anzusehen, durch göttliche oder anderweitige Fügung determiniert zu meinen, das kommt einem auf den ersten Blick abwegig vor. Die Handlungen des Einzelnen sind dann egal. Politik ist nicht mehr nötig. Es ist ja eh alles vorher bestimmt; was soll ich mich um etwas sorgen, das eine höhere Macht bereits bestimmt. Gleichzeitig ahnen wir schmerzlich wie wenig wir Einfluss nehmen können auf die Welt und ihr Geschehen. Man kann noch so gesund leben, krank werden kann man trotzdem. Streiks, Wirbelstürme, Terroranschläge lassen sich nicht zuverlässig weissagen. Was hilft es denn, wenn ich mich mit der Gewerkschaft solidarisiere, gegen den Klimawandel protestiere, in Zeiten großer Unsicherheit öffentliche Plätze meide? Wir haben gar nichts unter Kontrolle. Die Dinge brechen über uns herein. Was wird morgen sein? Keine Ahnung. Alles bleibt im Fluss. Alles bleibt kontingent.

Fragestellung

Vor diesem Hintergrund kann es nicht schaden ein wenig Machiavelli zu lesen. Die Frage, die mich umtreibt, lautet: Ist erfolgreiche Politik bei Machiavelli eine Folge von Klugheit und Fähigkeit (Virtù) oder von Schicksal und Glück (Fortuna)? Spontan neigt man zu der These, dass die Antwort Virtù lauten müsste. Machiavelli, dessen berühmter „Fürst“ ja eine Art Ratgeber für die Mächtigen der Welt darstellt, würde doch kaum seitenlang Empfehlungen für Tricks, Intrigen und Hinterhalte im Machtspiel geben, hinge der Erfolg in der Sache bloß vom Glück ab. Obwohl diese Dinge auch im Principe nicht so eindeutig liegen wie hier vermutet, gibt es in den „Discorsi“ (1531) einige Stellen, die recht ausdrücklich völlig widersprüchliche Antworten auf dieses Problem formulieren. Gucken wir sie einmal an.

Buch 2, Kapitel 1. Was mehr zur Größe des Reichs das die Römer eroberten beigetragen hat, Tüchtigkeit oder Glück.

Machiavelli sieht all jene Wissenschaftler im Unrecht, die den Aufstieg des Römischen Reiches als eine Folge glücklicher Umstände interpretieren. Gründe des Erfolges seien vor allem clevere Außenpolitik und innere Verfasstheit gewesen. Dass andere Mächte Rom nicht in die Quere kamen war kein Glück, sondern folgte einer Logik internationaler Politik, der zufolge schwächere Staaten nicht gegen ein Imperium Partei ergreifen. Diese Logik machte sich Rom zunutze, indem es immer nur eine Front zur gleichen Zeit eröffnete. Machiavelli ist „daher überzeugt, daß alle Fürsten, die wie die Römer zu Werke gingen und die gleiche Tüchtigkeit besäßen wie diese, in dieser Hinsicht auch das gleiche Glück hätten wie die Römer.“ Virtù 1:0 Fortuna.

Buch 2, Kapitel 29. Das Schicksal macht die Menschen blind, wenn es nicht will, daß sie sich seinen Absichten widersetzen.

Obwohl Rom so klug, tapfer und geschickt Politik betreibt, wird es schließlich von den Galliern (fast) erobert. Naheliegend wäre die Vermutung, die Römer hätten Fehler gemacht und falsche Entscheidungen getroffen, was zur Niederlage im Krieg führen musste. Doch Machiavelli stellt die Dinge in seiner Livius-Rezeption ganz anders dar: Der Himmel, bzw. das Schicksal habe diese Entwicklung für Rom so beschlossen. Eine Verkettung unglücklicher Umstände führt zum Krieg. Die Römer reagieren idiotisch, bis der Feind in ihrer Stadt steht. Erst dann treffen sie die richtigen, weil unbarmherzigen Entscheidungen zur Verteidigung des Kapitols. In beiden Fällen handeln sie jedoch nicht frei, sondern vom Schicksal angeleitet, das ihnen die entsprechenden Akteure oder Gelegenheiten bereitstellt. Virtù 1:1 Fortuna.

Buch 3, Kapitel 2. Es ist das Zeichen großer Weisheit, sich zur rechten Zeit töricht zu stellen.

Im dritten Buch wechselt Machiavelli die Analyseebene. Es geht nicht länger um das Handeln Roms, sondern um individuelle Politiker, für die sich freilich die gleiche Frage stellt. Im Fall des Junius Brutus klingen die Empfehlungen klassisch machiavellistisch: kalkulierend, gerissen, gemein. Man wäge die eigene Stärke ab und biedere sich in der Rolle des Schwächeren einem Fürsten erstmal an. Das eröffne dem Heuchler Spielraum, um auf eine günstige Gelegenheit zu warten und dann seinen Gegenspieler zu überwinden. Der Erfolg in der Politik ist – wie bei der römischen Expansion – nicht vom Glück abhängig, sondern Glück ist ein Prinzip, dass sich durch eigenes Handeln erzwingen lässt. Virtù 2:1 Fortuna.

Buch 3, Kapitel 9. Nur wer mit der Zeit geht, wird auf die Dauer Glück haben.

Angesichts der Aussicht, Glück ließe sich steuern, drängt sich die Frage auf, wie das möglich sein soll. Machiavellis Antwort: „Ich habe oft gefunden, daß die Ursache des Glücks oder Unglücks der Menschen in der Art der Anpassung ihrer Handlungsweise an die Zeitverhältnisse liegt.“ Wer sich den Bedingungen anpasst, erhöht seine Chancen auf Glück. Leider, so sieht Machiavelli ein, ist die Forderung mit der Zeit zu gehen und seine Handlungsweise anzupassen, nicht so leicht umzusetzen. Ungeachtet der unveränderlichen Natur jedes Individuums, gilt vor allem: Wer einmal mit einer bestimmten Strategie Erfolg hatte, wird sie auch dann nicht ändern, wenn die Zeiten es verlangen. So versagt der Einzelne in der Steuerung seines Glücks, weil er in sich ändernden Zeiten in alten Handlungsmustern verhaftet bleibt. Virtù 2:2 Fortuna.

Fazit

So unbefriedigend ein Unentschieden als Antwort auch anmuten mag, weist es doch hin auf die schwerwiegende Spannung zwischen menschlichem Einfluss auf den Lauf der Welt und der unentrinnbaren, übergroßen Macht des Schicksals. Weder Vermutungen zur Antwort Machiavellis, noch unseren eigenen Ansichten sollten wir leichtfertig Vertrauen schenken. Gerissene Politikerinnen müssen eben nicht nur alles steuern und kontrollieren. Auch sie brauchen Glück, gute Gelegenheiten und ein wenig himmlische Unterstützung.

Diskussion

Ist ein 2:2 ok oder sieht jemand eine der beiden Seiten vorne?

Welche Rolle spielt der Unterschied zwischen Individuum und Staatswesen in der Analyse (vgl. insb.: III, 9)?

Wer hat John G. A. Pococks Machiavellian Moment gelesen und mag Parallelen ziehen?

2 Gedanken zu „Offene Textrunde (VI) – Niccolò Machiavelli „Discorsi““

  1. Auch von mir ein Frohes Neues!
    Das Jahr 2015 beginnt auf unserem Blog also mit Machiavelli, das scheint mir nicht unpassend für unsere derzeitige kriegerische, von Machtbesessenheit und Machtstreben geprägte internationale Politik.

    Deine Textinterpretation gefällt mir sehr gut, weil du sie an eine klare Fragestellung angelehnt hast – was angesichts des Textes auch notwendig ist. Meine Antwort auf Basis der kleinen Kapitel würde eindeutiger zu Gunsten des Virtù bzw. der Tüchtigkeit ausfallen, wobei für mich feststeht, dass die Antwort mal wieder in der Mitte liegt. Fast die gesamte Argumentation von Machiavelli läuft für mich auf diesen Satz hinaus: „Völker, die diese Grundsätze [der Klugheit, Tapferkeit] beachten, werden sehen, daß sie des Glückes weniger bedürfen als solche, die es nicht tun“ (S. 167).
    Es dürfte doch evident sein, dass die Stabilität eines Landes, die Erfolgsrate beim Kriegführen, das Wirtschaftswachstum etc. nicht allein vom Schicksal oder Glück abhängen, sondern von politischen Entscheidungen (meist von Kollektiven; Regierung, Ältestenrat, Parlament). Kriege haben die Römer gewonnen, wenn sie bzw. ihre Generäle richtige militärische Entscheidungen getroffen haben; verloren, wenn sie wie gegen die Gallier falsche Entscheidungen getroffen haben.

    Beim Kapitel über die Gallier finde ich Machiavellis Argumentation total widersprüchlich: Wieso war es in diesem Falle das Schicksal, das so eine große Schuld an den Niederlagen trug; während er in dem 1. Kap. des II. Buches der Tüchtigkeit der Römer einen viel höheren Beitrag zumaß? Bei Letzterem hätte er auch argumentieren können, das Schicksal ließ zu, dass die Gegner Roms den Krieg verloren, keine zweite Front eröffnet haben etc. Die Argumentation ist unplausibel. Das 2. Kapitel im III. Buch sagt mir persönlich nichts zu deiner Fragestellung. Und der letzte Textabschnitt bestätigt eher, dass sich Glück durch eigenes Handeln beeinflussen lässt: Wer sich an veränderte Rahmenbedingungen anpasst, ist weniger auf Glück angewiesen, als der, der sich nicht anpasst. Eine andere Frage ist freilich, ob sich das Anpassen an neue Bedingugnen wirklich so schwer bis unmöglich ist, wie Machiavelli behauptet.

    Der Unterschied zwischen Staat und Individuum in der Analyse finde ich schwierig, denn m. E. kann ein Staat nicht Glück haben oder tüchtig sein. Es sind immer die Bewohner des Staates, die von ihnen (mehr oder weniger) legitimierten Staatslenker, die handeln und natürlich hin und wieder auch zufällig oder durch Glück richtig oder falsch liegen. Ich meine, dass der Faktor Glück/Kontingenz nicht aus einer solchen Analyse ausgeschlossen werden kann. Es ist mitunter Zufall über welche Informationsgrundlage für Entscheidungen man als Regierung verfügt. Aber welchen Einfluss die Kontingenz in der Politik spielt, lässt sich durch das Handeln der Politiker beeinflussen.

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