Offene Textrunde (III): André Gorz: Strategie der Arbeiterbewegung

Mit André Gorz betreten wir ein theoretisches Feld, das meiner Wahrnehmung nach gegenwärtig kaum noch nennenswerte Beachtung geschenkt wird. Bei Gorz haben wir es mit einem Autoren aus dem Umfeld von Jean-Paul Sartre zu tun, also einem Anhänger der Existentialphilosophie und des Marxismus, der sich im Gegensatz zu den Anhängern des von ihm kritisieren Parteimarxismus nicht scheut, die Lehren von Karl Marx zu überdenken oder auch zu verabschieden (Siehe Gorz 1980). Seine theoretischen, existentialistischen Grundannahmen sind eng mit seiner Biografie verbunden. Darauf möchte ich hier nicht en detail eingehen (vgl. dazu Krämer 2013 und Schafroth 2008), bemerkenswert ist aber u. a., dass Gorz unter zwei verschiedenen Namen publizierte (als Michael Busquet die journalistischen Texte, als André Gorz seine theoretisch-philosophischen Schriften) und dass er aufgrund der unheilbaren Krankheit seiner Frau den gemeinsamen Freitod wählte. Die Themen seiner Texte sind sowohl arbeitssoziologischer, politischer, ökologischer als auch sozialphilosophischer Natur.

Der von mir ausgesuchte Text „Zur Strategie der Arbeiterbewegung im Neokapitalismus“ ist genau 50 Jahre alt. Er steht exemplarisch für das praxisphilosophische Gesamtwerk von Gorz, der eigentlich in allen seinen Werken Antworten auf die Frage sucht: „Was hindert die Menschen zu sich selbst zu kommen, d. h. die bewußten Subjekte ihrer Handlungen zu werden und sich durch diese allseitig zu entfalten?“ (DGB-Bundesvorstand 1984: 20) Die Antworten, die Gorz gibt, haben in den 1960er bis 1980er Jahren die sozialen Bewegungen, von den 68ern über ökologische bis zu linken Gewerkschaftsbewegungen, angeregt und Anfang der 1970er sogar die politische Programmatik der Jusos und des Studierenverbandes SDS beeinflusst. Warum das Interesse an Gorz spätestens Ende der 1980er schwand, soll hier nicht erörtert werden. Meine These lautet, dass Gorz’ theoretischen Schriften mehr Aufmerksamkeit der gegenwärtigen emanzipatorischen Linken verdienen, da sie eine dem modernen Kapitalismus angepasste neomarxistische Theorie anbieten, die zugleich selbstkritisch mit den Irrtümern und theoretischen Fehlentwicklungen der im 20. Jh. dominierenden linken Strömungen (Sozialdemokratie und Marxismus-Leninismus) umgeht. Die Stärken von Gorz sind auch die auf seine eigenen politischen Ideen bezogene Selbstkritik und eine m. E. für breite gesellschaftliche Kreise verständliche Ausdrucksweise.

In der hier zu lesenden Einleitung zu diesem Text fasst Gorz die wesentlichen Thesen und Argumente aus dem 1. Teil von „Zur Strategie der Arbeiterbewegung im Neokapitalismus“ zusammen. Es handelt sich hier also weniger um eine empirisch fundierte, nach akademischer Methodik verfasste Theorie, sondern um eine normative, essayistische, in der politischen Praxis handelnde Akteure zu überzeugen versuchende Theorie. Dieses praxisphilosophische Essay befasst sich mit den Fragen, warum politischer Wandel hin zum Sozialismus überhaupt notwendig ist, was die Alternative, also der Sozialismus, sein soll und welche Akteure den Wandel mit welchen politischen Mitteln durchsetzen können bzw. sollen.

Begründung des Sozialismus

Die Einsicht und der Wille, dass der Sozialismus notwendig ist, entstehe nicht spontan aus einer Revolte heraus. Die Notwendigkeit des Sozialismus begründet Gorz aber im Gegensatz zu den Parteimarxisten der Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF) nicht mit dem wachsenden Elend der Arbeiter, denn es sei objektiv feststellbar, dass die absolute Armut, wie sie im Manchesterkapitalismus des 19. Jahrhunderts noch zu beobachten war, stark zurückgegangen ist. Im 19. Jh. war es noch möglich, dass die Arbeiter die Notwendigkeit eines revolutionären Umsturzes der Verhältnisse von selbst verstehen, ohne genau zu wissen, was der Sozialismus konkret sein solle. Gorz stellt nun die These auf, dass im Neokapitalismus eine rein negative Kritik des Kapitalismus, ohne positive Definition dessen, was der Sozialismus sein soll, die Arbeiter nicht von der Notwendigkeit des Sozialismus überzeugen könne, denn mit der Entwicklung des Wohlfahrtsstaates, Mindestlöhnen und anderen Formen der sozialen Absicherung hätten die Arbeiter mehr zu verlieren als nur ihre Ketten.

Der zweite Grund, warum die Notwendigkeit des Sozialismus nicht mehr mit der Marxschen Verelendungstheorie begründet werden kann, sei, dass der Neokapitalismus Konsumenten für seine Produkte braucht und daher die Arbeiter so ausstattet, dass sie grundlegende Bedürfnisse stillen können. Kurz gesagt: Der Kapitalismus des 19. Jahrhunderts erwirtschaftete Profit, indem er die Arbeiter maximal ausbeutete; der Neokapitalismus des 20.Jahrhundert generiert Profit, indem er immer schneller neue Produkte auf den Markt bringt, die von zahlungskräftigen, ideologisch verblendeten Konsumenten gekauft werden. Gorz’ Fragestellung ist, welche neuen Bedürfnisse der entwickelte Kapitalismus erzeugt (darauf geht Gorz v. a. im IV. und V. Kap. ein) und welche Bedürfnisse heute den Sozialismus notwendig machen. Wenn man hiernach frage, komme man laut Gorz automatisch zu einer Kritik der althergebrachten Strategien der Arbeiterbewegung (Vgl. ebd.: 8f.).

Die politische Strategie zum Sozialismus

Das Problem an den Strategien der KPF und der deutschen Sozialdemokratie sei, dass der Kampf für das Ziel Sozialismus nicht mehr mit den Tageskämpfen für Verbesserungen im bestehenden Systems verbunden werde. Die Kommunisten verweisen mit der Verelendungstheorie auf den zwangsläufig geschehenden Zusammenbruch des Kapitalismus, sodass Kämpfe für soziale Teilreformen (z. B. für höheres Arbeitslosengeld) im Kapitalismus nicht notwendig bzw. sogar schädlich seien, weil solche Reformen das Klassenbewusstsein der Arbeiter unterminieren würden (Vgl. ebd.: 9f.). Hinsichtlich der Sozialreformisten kritisiert Gorz, dass sie keine Forderungen formulieren, die das herrschende System sprengen würden, selbst wenn sie den Bedürfnissen der Menschen entsprechen würden, und so das Endziel Sozialismus aus den Augen verlören (Vgl. ebd.: 12). Gorz sieht die strategischen Möglichkeiten der Arbeiterbewegung folgendermaßen: Es gibt nicht mehr die Wahl zwischen Revolution und Reform. Die Alternative laute reformistische oder revolutionäre Reformen, wobei Gorz für letztere plädiert. Unter revolutionären Reformen versteht er Forderungen, die sich „nicht danach richten, was in einem gegebenen System […] möglich ist, sondern nach dem, was möglich gemacht werden muß, um menschliche Bedürfnisse und Ansprüche zu erfüllen“ (Ebd.). Sie sind antikapitalistisch, denn sie messen die Berechtigung von Reformen nicht anhand der Kriterien kapitalistischer Rationalität.

Veränderungen durch antikapitalistische Reformen setzen Veränderung der Kräfteverhältnisse voraus, indem die Arbeitnehmer Machtpositionen erringen, von denen sie aus neue Perspektiven jenseits des Kapitalismus aufzeigen können. Denn ein weiteres Merkmal antikapitalistischer Reformen sei, das sie von denen durchgeführt werden, die sie einfordern, und nicht vom Staat oder von Parteibürokratien. Gorz’ Strategie setzt auf Massenaktionen von der Basis und auf Arbeiterselbstverwaltung, wie sie bspw. beim französischen Uhrenhersteller Lip umgesetzt wurde. Hiermit sollten die Arbeiter eine Gegenmacht aufbauen, mit deren Hilfe die Arbeiter die Grundlagen der Wirtschaftspolitik bestimmen können (Vgl. ebd.: 13-15). Diese Strategie entwirft einen schrittweisen Übergang in den Sozialismus: Wenn die autonomen Machtpositionen in den Großbetrieben und der öffentlichen Verwaltung erobert wurden, könne der Kampf dialektisch auf eine höheren Ebene fortgesetzt werden. Der Übergang soll durch eine permanente Mobilisierung der Arbeitermassen, die durch die permanenten Tageskämpfe für den Kampf für den Sozialismus geschult werden, organisiert werden (Vgl. ebd.: 16). Nach Gorz sollen die Massen den Sozialismus als ein Ziel der gegenwärtigen Praxis erleben und über Teilziele erreichen.

Definition des alternativen Gesellschaftsmodells

Was versteht Gorz nun unter Sozialismus? Hierzu ist anzumerken, dass Gorz seine Utopie einer alternativen Gesellschaft mit der Zeit immer wieder veränderte und neu konzipierte. In späteren Schriften spricht er meist von einer dualistischen oder multiaktiven Gesellschaft (Vgl. Gorz 1983 oder Gorz 2000 und Howard 2013: 56). In der Strategie-Schrift von 1964 versteht er unter Sozialismus nicht nur „die Vorherrschaft der Arbeiterklasse, […] das gesellschaftliche Eigentum an den Produktionsmitteln“, sondern „auch eine neue Art der Beziehungen zwischen den Menschen, eine neue Rangordnung der Aufgaben, ein neues Modell des Lebens und der Kultur“ (Vgl. Gorz 1969: 17 und 18). Ohne letzteres wäre der Sozialismus aus Gorz’ Sicht ohne Sinn, denn der Sinn des Sozialismus sei die Unterordnung der Produktion unter die Bedürfnisse der Menschen: „Sowohl das, was produziert wird, als auch die Art, es zu produzieren, soll sich nach den Bedürfnissen richten“ (Ebd.: 18), wobei diese Bedürfnisse im entwickelten Kapitalismus vor allem qualitativ seien. Die Menschen wollen eine vielseitige Entwicklung ihrer Fähigkeiten; daher seien rein quantitative Lohnforderungen, wie sie von den trade-unionistischen Gewerkschaften meist vorrangig vorgetragen werden, unzureichend. Sie wollen nicht nur von Ausbeutung, sondern auch von Entfremdung und Unterdrückung in Arbeit und Freizeit befreit werden, daher spielt die Analyse der Entfremdungsmechanismen eine herausragende Rolle nicht nur in diesem Buch (Vgl. ebd.: 73-149), sondern in allen Schriften von Gorz.

Die Akteursfrage

1964 geht Gorz davon aus, dass „in der neokapitalistischen Gesellschaft die Gewerkschaft viel mehr als die Partei der Katalysator und Ort der Bildung des Klassenbewußtseins ist“ (ebd.: 19). Diese Position vertritt Gorz aufgrund seiner äußerst kritischen Haltung zu allen damals existierenden Parteien und zur Berufspolitik im Allgemeinen: Nach Gorz versucht in der modernen Massenzivilisation die Werbung alle Kommunikationsmittel der Individuen ihren kommerziellen Erfordernissen zu unterwerfen und die Konflikte zwischen den Einzelnen zu verhüllen. Da die Unternehmen eine heterogene Zielgruppe gewinnen wollen, versuchen sie die Unterschiede zwischen den Menschen, also auch die Existenz von Klassen, durch Reklame zu vertuschen. Diese die Massenkultur tragende Ideologie dringe unvermeidlich auch in die Politik ein, sodass auch die Parteien mit Methoden des Marketings versuchen, die Gunst des Publikums zu gewinnen (Vgl. ebd.: 19f.). „Auf die ‚Massenkultur’ folgt so die ‚Massendemokratie’; […] der Wettbewerb aller Parteien um die Stimmen der ‚Mitte’, um die Gunst der am wenigsten politisierten Massen“ (ebd.: 20), wodurch die Parteien Konflikte und alles Trennende im Wahlkampf zu verschleiern versuchen.

Daher sei die Autonomie der Gewerkschaften als einzige Massenorganisation, die nicht der Logik der Massendemokratie folgt, wichtig. Gorz sieht in den 1960er Jahren in ihnen den Ort, wo die Bedürfnisse und Forderungen der Menschen formuliert werden und der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit von den Arbeitern unmittelbar erlebt wird. Dass dieses klassenkämpferische Bild der Gewerkschaften zu optimistisch war, gestand Gorz in späteren Aufsätzen und Interviews ein. Gorz plädiert für eine Politisierung der Gewerkschaften, die die Bedürfnisse der Arbeiter also nicht nur im Betrieb, sondern auch im politischen Bereich vertreten sollen, dabei aber ihre Autonomie gegenüber den Parteien bewahren sollen (Vgl. ebd.: 20-23). Dieses Argument ist nur im französischen Kontext verständlich, wo die Gewerkschaften (CGT, CGT-FO, CFDT, CFNT) anders als in Deutschland strikt nach Sympathien zu bestimmten Parteien geordnet waren und noch immer sind.

Befreiung von Entfremdung und die Rolle der Wissenschaft

Abschließend erscheint mir bemerkenswert, dass Gorz’ Entfremdungskritik sowohl das kapitalistische als auch das sowjetische System betraf. Im Sozialismus der Sowjetunion sieht er nicht das Vorbild für das alternative Lebens- und Konsummodell der westlichen Gesellschaften, denn auch dort waren die Bedürfnisse und Kultur der Produktion untergeordnet und existierte entfremdete Arbeit (Vgl. ebd.: 25). Sozialismus ist eben nicht nur Vergesellschaftung des Eigentums an Produktionsmitteln, sondern auch die autonome Selbstbestimmung der Arbeiter. Was der Sozialismus als Gesellschaftsmodell konkret bedeuten soll, sollen die Menschen basisdemokratisch selbst bestimmen. Das Ziel der revolutionären Reformen ist aber für Gorz klar: die Befreiung der Menschen nicht nur von Ausbeutung, sondern auch von Entfremdung und Unterdrückung in Arbeit und Freizeit (Vgl. ebd.: 19).

In dem kurzen Ausschnitt aus „Die Aktualität der Revolution“ geht es unter anderem um die Beziehung zwischen Wissenschaft (Theorie) und Praxis, das ich angesichts der derzeitigen Krise der gesellschaftlichen Linken für sehr relevant halte. Gorz’ Wissenschaftsverständnis schließt an Marx an, der eine revolutionäre Kritik des Kapitalismus nur dann für möglich erachtet, wenn sie nicht allein auf Theorie, sondern auch auf einer revolutionäre Praxis beruht. Gorz argumentiert gegen die Intellektuellenfeindlichkeit mancher Arbeiterrepräsentanten und betont die Rolle der Intellektuellen v. a. bei der politischen Bildung, der theoretischen Analyse des Kapitalismus und der Erarbeitung einer alternativen Politik (Vgl. Gorz 1970: 6f. und 42-51).

Die Aktualität des Gorzschen Denkens

Abschließend betrachtet, worin besteht die Aktualität von Gorz’ politischer Theorie? Meines Erachtens zum einen in seinem Versuch einer ständigen innovativen Anpassung der marxistischen Theorie an die Weiterentwicklung des Kapitalismus. Weiterhin in seiner kritischen Distanz sowohl zum Sozialreformismus als auch zu orthodoxen Marxismus-Konzeptionen der Ost-Kommunisten. Die Geschichte hat gezeigt, dass sowohl der reformistische als auch der revolutionäre Weg (von Kuba abgesehen) nicht zu einem langfristigen Erfolg der sozialistischen Kräfte geführt hat. Wer wie Gorz am Sozialismus als Gesellschaftsmodell festhalten will, muss einen Mittelweg finden, bei dem bei aller Kritik an Selbstverwaltung und Basisdemokratie die Menschen die Politik selbst machen. Die Politisierung der Gewerkschaften ist ebenfalls ein aktuelles Thema, denn bis heute sind es meiner Meinung nach die Gewerkschaftsführungen, die mit ihrer sozialpartnerschaftlichen, zu stark auf tarifpolitischen Forderungen orientierten Politik die Ausprägung von Klassenbewusstsein und das Erreichen von sozial emanzipatorischen Zielen verhindern. Ohne antikapitalistische Gewerkschaften scheint mir eine Überwindung des Kapitalismus schwer vorstellbar, selbst wenn es eine starke sozialistische Partei gäbe – das wäre diskussionswert. Und schließlich finde ich den utopischen Aspekt des Gorzschen Denkens spannend, dass also die Einsicht in die Notwendigkeit des Sozialismus heute nicht allein durch eine negative Kritik des Kapitalismus (bspw. Kapitalismus ist schlecht, weil er die Umwelt zerstört), gewonnen werden kann, sondern durch eine positive Kritik, die dem Kapitalismus eine gesellschaftliche, vielleicht utopisch erscheinende Alternative gegenüberstellt.

 

Mögliche Diskussionsfragen:

Können Menschen, die durch die kapitalistische Ideologie „konditioniert“ sind, heute für betriebliche Selbstverwaltung gewonnen werden oder ist die Idee der Selbstverwaltung nach der 68er Studentenbewegung als gescheitert zu betrachten?

Kann ein staatskritischer Ansatz, den Gorz hier vertritt, die Machtprobe mit den kapitalistischen Kräften gewinnen?

Widerspricht sich Gorz nicht ein Stück weit, wenn er einerseits die Bedeutung der Intellektuellen für die Arbeiterbewegung und ihre Praxis betont, andererseits aber Politik als Selbstbestimmung der Massen auffasst und das Entwerfen einer alternativen Gesellschaft basisdemokratischen Versammlungen überlassen will?

 

Literatur:

DGB-Bundesvorstand, Abteilung Jugend (Hg.) (1984): Abschied vom Proletariat? Eine Diskussion mit und über André Gorz. Protokolle einer Arbeitstagung vom 30. Mai bis 3. Juni 1983. 2. Aufl. Düsseldorf.

Gorz, André (1969 [1964]): Zur Strategie der Arbeiterbewegung im Neokapitalismus. Frankfurt/M.: Europ. Verl.-Anstalt.

Gorz, André (1970): Die Aktualität der Revolution. Nachtrag zur „Strategie der Arbeiterbewegung im Neokapitalismus“. Frankfurt/M.: Europ. Verl.-Anstalt.

Gorz, André (1980): Abschied vom Proletariat. Frankfurt/M.: Europ. Verl.-Anstalt.

Gorz, André (2000): Arbeit zwischen Misere und Utopie. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Howard, Dick (2013): André Gorz und die philosophischen Voraussetzungen des Politischen, in: Berliner Debatte Initial 24, H. 4, S. 50-66. Online verfügbar unter: http://dickhoward.com/wp-content/uploads/2014/03/Gorz-Initial1.pdf.

Krämer, Hans-Leo (2013): André Gorz. Leben und Werk – eine Skizze, in: Ders. (Hrsg): „Der Horizont unserer Handlungen: den Zusammenbruch des Kapitalismus denken“. Kongress über die Ideen von André Gorz. Saarbrücken: universaar, S. 13-22. Online verfügbar unter: http://universaar.uni-saarland.de/monographien/volltexte/2013/104/pdf/ Kraemer_Gorz.pdf .

Schaffroth, Thomas (2008): Auch Ratten haben Utopien!, in: André Gorz: Der Verräter, Zürich: Rotpunktverl., S. 5-20.

 

Zum Einstieg in das politische Denken von André Gorz kann ich empfehlen:

Münster, Arno: André Gorz oder der schwierige Sozialismus: eine Einführung in Leben und Werk. Zürich: Rotpunktverl.

Bluhm, Harald/ Häger, André (2013): André Gorz – Querdenker, Philosoph, Häretiker, in: Berliner Debatte Initial 24, H. 4, S. 3-7.

Und den oben zitierten Aufsatz von Hans-Leo Krämer.

3 Gedanken zu „Offene Textrunde (III): André Gorz: Strategie der Arbeiterbewegung“

  1. Hallo,

    vielen Dank für den Text, der uns mehr zur inhaltlichen Diskussion führt (als zu methodischen Fragen) und auch danke für die ausführliche Zusammenfassung des Textes.

    Ich versuche im Folgenden ein paar Gedanken zu deinen ersten zwei Fragen zu formulieren:
    Die Idee der Selbstverwaltung ist aktueller den je und steht nichtsdestotrotz stets vor der Vereinahmung einer „do-it-yourself“/neoliberalen Ideologie. Formen der Selbstverwaltung wie urban gardening, Nachbarschaftshilfe, Flohmärkte, Selbstversorgung sind unheimlich angesagt und bieten Ansatzpunkte, um Gorz „Strukturreformen“ als bereits bestehende Reformpraxis anzusehen. Aber trotzdem besteht die Gefahr der Vereinnahmung bzw. Konditionierung durch die herrschenden Verhältnisse, das diese eigentlich kritischen Momente herrschaftsstabiliserend wirken. Die Frage wäre dann, wie umfassend so eine Reform aussehen müsste, um nicht mehr vereinnahmt zu werden. Ich denke da z. B. ans (bedingungslose) Grundeinkommen; welches Gorz auch mal unterstützt hat, oder?! Ist also die Idee, die Bedürfnisse über die Produktivität zu stellen (um mal Gorz hier zu paraphrasieren), sprich die Abkopplung des Einkommens von (industrieller, produzierender) Arbeit nicht so stark anti-kapitalistisch, dass sie nicht ins „System“ integriert werden kann – sieht man vom Modell des DM-Gründers oder das Althaus-Modell mal ab?
    Ich würde hier auch noch David Graeber anführen, der recht ähnlich wie Gorz argumentiert, jedoch positiver, weil er stark dafür argumentiert, dass sich progressive Akteure bewusster machen müssen, was sie bereits geschafft haben, welche Erfolge sie erzielt haben und nicht immer nur auf das fokussieren sollen, was vielleicht nicht mehr geht, was nicht geklappt hat (wie in der Frage nach ’68er intendiert). Damit regt er nämlich aus meiner Sicht an, nicht mehr nur das „There Is No Alternative“-Prinzip zu kritisieren, sondern dem auch was Positives entgegenzusetzen. Und in der Überlegung (man muss dem Negativen auch was Positives gegenüberstellen) scheinen aus meiner Sicht Gorz und Graeber sehr eng beinander zu sein.

    Deine zweite Frage versteh ich nicht ganz, weil ich Gorz Staatskritik hier nicht sehe. Übt er Kritik am Staat(sapparat)? Er sagt doch eigentlich „nur“, dass man das politische Feld nicht nur den Parteien überlassen soll und deswegen die Gewerkschaften wieder ihre politische Arbeit aufnehmen sollten – jeglicher Angriff auf die Tarifautonomie sollte von den Gewerkschaften zurückgedrängt werden. Aber vielleicht hab ich hier auch etwas überlesen.
    Aus den gegenwärtigen Verhältnissen und um Gorz Gedanken selbst etwas „zu historisieren“, müsste man vermutlich bei der Akteursfrage auch fragen, inwiefern die Gewerkschaften weiterhin die von Gorz beschriebene starke soziale und politische Position innehaben. Lohnt hier nicht eine Erweiterung und eine Pluralisierung des Gorz’schen Ansatzes, um über sozialen Wandel in gegenwärtigen Gesellschaften mit einer veränderten Akteurskonstellation nachzudenken.

    Ich bin gespannt auf weitere Ideen und Anmerkungen!

  2. Danke für die ausführliche Ausarbeitung zum Text!

    Hervorstechend im Text fand ich die Definition des Sozialismus als die Unterordnung der Produktion unter die Bedürfnisse der Menschen und der damit einhergehenden Kritik an Systemen, die sich zwar sozialistisch nennen, aber die Produktion genauso dem Menschen überordnen. Dass Gorz selbst zwar Eckpunkte wie diesen festsetzt, aber ansonsten die Ausgestaltung offen lässt scheint der einzig mögliche Weg zu einem nicht totalitären System zu sein.

    Zu deinen Fragen.
    Ich denke es ist nicht ganz unbegründet, dass es heute schwer ist aufgrund der ‚Konditionierung‘ wirklich systemkritisch zu sein, da sich selbst Kritik oft in der kapitalistischen Logik bewegt. Trotzdem denke ich nicht, dass es unmöglich ist – und gerade da kommt meines Erachtens die Rolle der Intellektuellen zu Tragen, indem sie eine neue Sprache schaffen, die der kapitalistischen Logik entgegensteht. Nur sollten sie keinen abgeschlossenen Plan entwickeln, sondern die Ausgestaltung basisdemokratisch ermöglichen.

    Und natürlich können Gegenbewegungen immer vom bestehenden System vereinnahmt werden, was SW anspricht, – wie es beispielsweise Boltanski und Chiapello in ‚Der neue Geist des Kapitalismus‘ eindrücklich aufzeigen. Doch gibt es auch Gegenmeinungen, wie z. B. von Jeremy Rifkin, der davon ausgeht, dass eine neue ‚Sharing-Economy‘ oder eine Wirtschaftsordnung ‚Collaborative Commons‘, wie er es nennt, als wahre Alternative heute entsteht. Dazu übrigens gerade ein Interview auf Arte, wenn er auch an gewissen Stellen etwas penetrant erscheint …

    Zu Punkt 3 würde ich unter ’staatskritischer Ansatz‘ nun eine Gegenposition verstehen, die selbst nicht in den Staatsapperat eingebunden ist. Also Gewerkschaften oder andere Akteure statt Parteien, da diese mit dem Staat und z. T. auch mit dem kapitalistischen System stark verwoben sind und wie Gorz aufweist auf den Stimmenfang in der Mitte aus sind. Radikale Kritik wäre demnach nur von ‚ausserhalb‘ des Systems möglich – ob dies nun heute noch die Gewerkschaften sind, wäre zu diskutieren.

    1. Zur Staatskritik: In dem Textausschnitt, den ich hier ausgesucht habe, wird Gorz nicht sehr explizit in seiner Kritik am Staat, das stimmt. Aber es gibt wirklich auch Stellen im frühen Gorz, wo er ähnlich wie Marx vom Absterben oder Zerschlagen des Staates spricht. Implizit kann Gorz Staatsferne an seinem emphatischen Dringen auf die Massenorganisation oder auf Massenaktionen der Individuen erkannt werden, oder wie CM m. E. richtig interpretiert, in seinem parteienkritischen Äußerungen. Gorz glaubt nicht, wie die Sozialdemokraten, man müsste einfach die Wahlen gewinnen, alle führenden Staatsämter besetzen und dann könne man den Sozialismus einführen. Das meine ich mit Staatskritik: der Weg zum Sozialismus führt nicht über die Eroberung der Staatsmacht, sondern über die Mobilisierung der Menschen für antikapitalistische Reformen. Nach Gorz theoretischer „Wende“ mit dem „Abschied vom Proletariat“ ändert er aber seine Position zum Staat und sieht dessen Notwendigkeit ein, aber das will ich hier im Rahmen des Lesekreises nicht so ausführen, es sei denn es wird gewünscht :).
      Eure skeptische Haltung zu den Gewerkschaften als zentralen Akteur der Emanzipation teile ich, denn es ist kaum zu übersehen, dass die derzeitige Gewerkschaftspolitik in Deutschland aber auch in der EU insgesamt eher dem quantiativen Ansatz folgt, den Gorz so vehement kritisiert. Da muss man den zeithistorischen Rahmen berücksichtigen, in den 1960er Jahren gab es zumindest noch starke Minderheiten in den (v. a. italienischen) Gewerkschaften, die eine sehr radikal antikapitalistische Einstellung besaßen und wilde Streiks und andere Dinge organisierten, die man DGB & Co. heute nicht so zutraut, obwohl in den letzten Jahren da auch wieder etwas mehr Radikalität (z. B. bei ver.di) auftritt.
      Der Weg zum Sozialismus, den Gorz hier vorschlägt, aber auch jeder andere denkbare Weg dorthin, bedarf aber Voraussetzungen, die noch eine Stufe unter der Akteursfrage ansetzt. Ob nun Gewerkschaften, linke Parteien oder die sozialen Bewegungen die entscheidenden Akteure für die Revolution sind, ist eine heute eher untergeordnete Frage, da es meiner Meinung nach überhaupt an einem breiten Bewusstsein für gesellschaftlichen Veränderungsbedarf mangelt. Die Bürger, die man heute überhaupt mal für Gewerkschaftsmitgliedschaft und/oder politischem Engagement bewegen müsste, leben heute im Alltagstrott und wollen von Politik und erst recht von größeren gesellschaftlichen Veränderungen gar nichts wissen. Da wirkt die kapitalistische Konsumideologie, die Gorz sehr ausführlich in der „Strategie“ (Kap. IV und V) beschreibt, und andere entpolitisierende Mechanismen, die wir auf dem Blog hier schon hin und wieder thematisierten. Die spannende Frage bleibt auch nach der Gorz-Lektüre, wie man diesen ersten Schritt (Erkennen der Missstände und Glaube an ein gesellschaftliches Alternativmodell/Bereitschaft, dafür etwas zu tun) schafft angesichts der ideologischen und v. a. auch finanziellen Überlegenheit der etablierten Mächte.
      SW hat mit der Vereinnahmungsproblematik auch einen zentralen Punkt angesprochen. Jede Reform kann vom Gegenüber vereinnahmt werden, das wurde Gorz u. a. auch im Zusammenhang mit seiner Forderung für ein Grundeinkommen vorgehalten. Gorz meint ja, dass seine revolutionären Reformen nicht zugunsten des Kapitalismus gewendet werden können, weil sie systemsprengend wirken bzw. eine Krise auslösen würden, auf die die Arbeiterbewegung mit weiteren krisenverschärfenden Reformen reagieren sollte, bis das System kollabieren würde – das ist ja so ein Kaskadenmodell. Es stellt sich mir auch hier die Frage, inwieweit diese Strategie umsetzbar bzw. realistisch ist oder in den 1960ern war. Ob man solche Reformen – parlamentarisch? – gegen die etablierten Mächte durchsetzen kann und dann in einer Form, die eine erhebliche Systemkrise auslöst.
      @CM: Dein „Nur sollten sie keinen abgeschlossenen Plan entwickeln, sondern die Ausgestaltung basisdemokratisch ermöglichen“ – würde Gorz sehr gefallen, genau das ist sein Anliegen, wobei er mit seinen theoretischen Konzepten z. T. auch recht detaillierte Vorgaben gemacht hat, v. a. in seiner dualistischen Gesellschaftskonzeption in den 1980er Jahren, die mit politischen Reformen wie Arbeitszeitverkürzung auf 20 Stunden die Woche oder bedingungslosem Grundeinkommen verbunden war. Und auch hier die Frage: wie bringt man die entpolitisierten Massen dazu, sich basisdemokratisch einzubringen und eine derart komplexe Aufgabe wie die Gestaltung einer neuen Gesellschaft unter den herrschenden Arbeits- und Lebensbedingungen zu übernehmen. Meine hochschulpolitischen Erfahrungen bei der Organisation von Protesten oder der Mobilisierung zu Hochschulwahlen lassen mich skeptisch sein, auch wenn ich reelle Alternativen nicht sehe.
      Interessant finde ich, dass du Rifkin anführst, denn Gorz hat sich in seinem Spätwerk auch auf dessen Arbeiten bezogen, von daher besteht da eine gewisse theoretische Nähe.
      Gorz’ Sozialismusdefinition über die Bedürfnisse und gegen den Produktivismus finde ich auch sehr überzeugend. Dies macht ihn m. E. auch für heute so relevant und anschlussfähig für die Postwachstumsdebatte. Viele seiner Ideen spielen dort eine große Rolle, ohne dass sich dabei explizit auf Gorz bezogen wird. Siehe das Postwachstumskolleg an der Uni Jena.

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