Die Macht – Über eine Theorielücke im Marxismus

Spätestens seit der Immobilien- und Finanzkrise ist die marxistische Theorie einmal mehr aus ihrem intellektuellen Winterschlaf geweckt worden. Das Schweigen der etablierten Wirtschaftswissenschaften zu den systemischen Problemen des Kapitalismus hat die Auseinandersetzung mit der Marx’schen Kritik der Politischen Ökonomie, die genau hier ihre Stärke hat, zweifellos mitausgelöst. Doch macht diese Entwicklung auch die Auseinandersetzung mit den theoretischen Lücken des Marxismus notwendig. In diesem wichtigen Beitrag diskutiert Stefan das Fehlen von Überlegungen zur Macht innerhalb der marxistischen Theorie. Dazu verweist er auf einen Beitrag von Mohssen Massarrat und bringt einige Argumente für die grundlegende Rolle von Macht im Kapitalismus vor. Der Fehler der marxistischen Klassiker sei vor allem die Gleichsetzung von Macht und Herrschaft.

Die Macht – Über eine Theorielücke im Marxismus

von Stefan Dorl

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Der folgende Beitrag soll auf eine Lücke in der politischen Theorie des Marxismus aufmerksam machen, auf die der Politikwissenschaftler Mohssen Massarrat in einem Aufsatz in der letzten Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung eingegangen ist und die der Autor zu schließen versucht. Dieser Aufsatz mit dem Titel „Macht im Kapitalismus“ erschien in der März-Ausgabe der Zeitschrift Z., die aus meiner Sicht eine äußerst lesenswerte Vierteljahresschrift für alle an marxistischer und kritischer Theorie und Praxis Interessierte ist.

Über Mohssen Massarrat

Mohssen Massarrat ist emeritierter Prof. für Politikwissenschaft der Universität Osnabrück. Seine Forschungsschwerpunkte sind Probleme des Kapitalismus, Mittlerer und Naher Osten, Weltenergieprobleme, Friedens- und Konfliktforschung sowie der Nord-Süd-Konflikt. Bekannt wurde er vielleicht dem einen oder anderen durch seinen kürzlich veröffentlichten Aufruf zur 30-Stunden-Woche. Im Rahmen seiner Kapitalismusforschung hat er sich dem Thema Macht zugewendet, wobei er die Beschäftigung mit Macht für eine „wissenschaftlich und politisch wichtige Aufgabe [hält], um strategische Reformen zur Transformation des Kapitalismus aufzuzeigen“.[1] Massarrat unterscheidet zwischen „Logischem“ und „Historischem“ Kapitalismus.[2] Dabei ist der Historische Kapitalismus immer der konkret auftretende, durch sein historisches Umfeld geprägte Kapitalismus, während der Logische Kapitalismus der theoretisch reine, vom historischen Umfeld abstrahierte Kapitalismus ist. Mit dieser Unterscheidung verdeutlicht Massarrat, dass der empirische Kapitalismus nie in der theoretisch reinen Form, wie sie bspw. Marx beschrieben hat, auftritt.

Das historische Umfeld, das den Historischen Kapitalismus prägt, unterteilt Massarrat in drei Kategorien: in die „natürliche[n] Gegebenheiten“, die „Relikte vorkapitalistischer Strukturen“ (beide Kategorien verlieren mit zunehmender Entwicklung des Kapitalismus an gestaltender Wirkung) und die „herausgewachsene[n] Machtpotentiale“.[3] Hiermit will Massarrat gegen Autoren argumentieren, die meinten, dass ökonomische Gesetzmäßigkeiten ausreichten, um die Verteilung von Reichtum zu erklären. Denn für ihn ist die Macht der „entscheidende […] Hebel zur Verteilung gesellschaftlicher Reichtümer.“[4] Im Aufsatz „Macht im Kapitalismus“ möchte Massarrat genauer begründen, warum ökonomische Gesetzmäßigkeiten die Verteilung von Reichtum nicht ausreichend erklären können und inwiefern Macht eine historische Kategorie ist, die eine eigene, von der kapitalistischen Ökonomie unabhängigen Logik besitzt.

Kritik an herkömmlichen Machttheorien

Dazu geht er zunächst auf herkömmliche Machttheorien von Max Weber und Michael Mann ein und kritisiert sie als „ungenau“[5]. Webers Definition von Macht als „die Chance eines Menschen […], den eigenen Willen in einem Gemeinschaftshandeln auch gegen den Widerstand anderer Beteiligter durchzusetzen“[6], sei zu oberflächlich, weil sie die gesellschaftlichen Quellen der Macht und Machtvermehrung nicht einbeziehe. Michael Mann differenziert zwischen extensiver und intensiver sowie autoritativer und diffuser Macht. Als Quellen der Macht betrachtet Mann vier gesellschaftliche Institutionen: Klassen, Status, politische und militärische Partei. Für eine präzise Analyse von Verteilungsvorgängen im Kapitalismus reicht aber auch dies nach Massarrat nicht aus.[7]

Kritik der marxistischen Machttheorie

Im nächsten Schritt kritisiert Massarrat die Gleichsetzung von Macht und Herrschaft in der marxistischen Gesellschaftstheorie. Macht und Herrschaft wurden in dieser Theorie meist unter materialistischer Staatstheorie behandelt, wobei Marx es nicht mehr schaffte, ein geplantes Buch über den Staat fertigzustellen, und wodurch die eingangs erwähnte Theorielücke entstand.[8] Diese Lücke wurde zum Teil von Engels und Lenin gefüllt, zu nennen wären Engels’ „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ und Lenins „Staat und Revolution“. Die „Gleichsetzung des Staates in der kapitalistischen Gesellschaft mit Herrschaft der Bourgeoisie oder mit Klassenherrschaft und Identifizierung des Kapitaleigentums mit Macht“ ist nach Massarrat weit verbreitet. So z. B. auch bei Hannah Arendt, die nach Massarrat Macht- und Kapitalakkumulation als gleiche Prozesse und den Staat als Instrument der Klassenherrschaft betrachtet. Zu dieser Arendt-Interpretation von Massarrat, die sich allein auf „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ bezieht, ist kritisch anzumerken, dass Arendt Macht explizit nicht auf Herrschaft reduziert wissen will. In „Macht und Herrschaft“ vertritt sie dezidiert die Auffassung, dass man Macht nicht mit (Klassen-) Herrschaft bzw. Gewalt gleichsetzen dürfe, und argumentiert gegen fast alle politischen Theoretiker, von Marx, John Stuart Mill, Max Weber bis Bertrand de Jouvenel, die fälschlicherweise Macht auf Herrschaft sowie Befehl und Gehorsam reduzierten.[9] Arendt als Republikanerin definiert Macht als „menschliche Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln.“[10] Macht könne nur im Besitz von Gruppen (nicht von Individuen) sein und beruhe auf Meinung. Die Macht einer Regierung z. B. beruhe auf der Zahl von Menschen, die die Meinung der Regierung teilen.[11] Von Macht als Herrschaft kann bei Arendt also keine Rede sein. Aber dies sei hier nur am Rande bemerkt.

Massarrat beschäftigt sich dann mit der Weiterentwicklung der Staatstheorie bei Gramsci, Poulantzas, Esser und anderen Autoren der 1970er Jahre.[12] Darauf will ich nicht weiter eingehen. Anschließend stellt Massarrat seine eigene materialistische Machttheorie vor. Macht definiert er (indem er Weber erweitert) als „Möglichkeit und Fähigkeit zur Monopolisierung gesellschaftlicher Ressourcen […], um den eigenen Willen und eigene Interessen zu Lasten Dritter durchzusetzen“.[13] Auf der Basis dieser Definition unterscheidet er dann drei Machtquellen: primäre, sekundäre und legitimierende Machtquellen. Die primäre Machtquelle sei das Eigentum an Produktionsmitteln, das „die gesellschaftliche Basis aller bisherigen Gesellschaftsformen und Produktionsweisen [war]“.[14] Daneben existieren zahlreiche sekundäre Machtquellen, „die die primäre Verteilung des produzierten Reichtums zusätzlich modifizieren […]“.[15] Er nennt bspw. institutionell-staatliche, militärische oder global institutionelle Macht. Unter den legitimierenden Machtformen versteht er kulturelle und mediale Machtquellen.[16]

Logik der Macht versus Logik des Kapitals

Nach Massarrat hat Macht in allen Gesellschaften, nicht nur, aber auch in der kapitalistischen, eine eigene Logik, der sie folgt. Diese Logik unterschiede sich von der Logik des Kapitals. Die Logik der Macht „folgt der Logik des Monopols, des Beharrens und des Konservierens bestehender Verhältnisse. […] Macht ist also ein Instrument zur Privilegierung Weniger und zur Ausgrenzung und strukturellen Benachteiligung Vieler“.[17] In dieser Argumentation wird wieder die begriffliche Differenz zu Arendt, die ich oben erläuterte, deutlich. Arendt würde m. E. hier statt von Macht von Gewalt oder Herrschaft sprechen. Macht als Hebel zur Umverteilung wird als Nullsummenspiel verstanden, durch Macht kann gesellschaftlicher Reichtum nicht vermehrt werden (Plussummenspiel), da sie der Logik der Monopolisierung folgt und daher auf Ausgrenzung beruht. Da Macht auf Ausgrenzung beruht, fehlt dem Monopolisten die Legitimation und ist er ständig in der Gefahr, von den Ausgegrenzten beseitigt zu werden. Um sich als Monopolist behaupten zu können, müsse er daher auf Machtvermehrung bzw. Machtakkumulation als Strategie setzen. Dies sei der „Kern der materialistischen Machttheorie“: Die Machtakkumulation ist die treibende Kraft zur Überwindung des Legitimationsdefizits der Monopolisten.[18] Massarrat fügt noch hinzu, dass akkumulierte Macht in materialisierter Form gleichzusetzen sei mit der quantitativen Vermehrung von monopolisierten Ressourcen (z. B. Eigentumsrechten) bei gleichzeitiger Vermehrung der Machtinstrumente (v. a. Waffen).

Die Logik des Kapitals dagegen basiert dagegen auf dem Konkurrenzprinzip, auf der Logik der „schöpferischen Zerstörung“ (Schumpeter). Nicht Beharren der bestehenden Verhältnisse, sondern stete Erneuerung ist Voraussetzung der freien Konkurrenz und der Kapitalakkumulation. Das Kapital tendiere im Gegensatz zur Macht zur Revolutionierung der Verhältnisse und Entwicklung einer schöpferischen Dynamik.[19] Dieser Gedanke ist schon durch den ersten Teil des Kommunistischen Manifests bekannt. Vor dem Hintergrund dieser unterschiedlichen Logiken von Macht und Kapital sei das Privateigentum an Kapital ein „Anachronismus“, denn das Privateigentum habe seinen Ursprung in der Macht und der Möglichkeit zur Monopolisierung von gesellschaftlichen Ressourcen – während das Kapital, wie eben dargestellt, mit der dem Monopol entgegengesetzten Logik der Konkurrenz verbunden ist. Die Entstehung dieses Anachronismus’ erklärt Massarrat nur kurz mit historischen Gründen, wonach nämlich das Privateigentum an Grund und Boden die gesellschaftliche Basis der vorkapitalistischen Epoche, des Feudalismus, gewesen sei.[20]

Beispiele für sekundäre Machtquellen

Im letzten Abschnitt seines Aufsatzes belegt Massarrat die These, dass die Teilung des Wertes in Lohn und Profit im Kapitalismus nicht nur auf der Macht des Privateigentums, sondern auf sekundären (nationalen und globalen), aber auch Machtmechanismen darstellenden Umverteilungsprozessen beruht, mit einigen Beispielen. Ein genanntes Beispiel ist die seit drei Dekaden sinkende Lohnquote, die aus dem im Neoliberalismus zu Lasten der Lohnarbeit verschobenen Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit resultiere. Im neoliberalen Staat dominieren die Unternehmer und wird die Macht der Gewerkschaften systematisch geschwächt, v. a. durch steigende Massenarbeitslosigkeit bzw. einem Überangebot von Arbeitskraft.[21]

Soweit die marxistische Machttheorie nach Massarrat, der einen weiteren Beitrag zum (zwangsläufigen?) Zusammenhang von Kapitalakkumulation und Entwicklung des Imperialismus ankündigt. Wie eingangs erwähnt, finde ich diese Überlegungen trotz der begrifflichen Kritik, die ich mit Arendt eingeführt habe, bedenkenswert. In den aktuellen Krisenzeiten des neoliberalen Kapitalismus erscheint es mir angebracht, die alte Frage: Was kommt nach dem kapitalistischen Staat? (Bzw. welche Rolle spielt Herrschaft im sozialistisch-kommunistischen Staat?) neu zu überdenken. Dazu sollte mein Beitrag anregen.

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Marxistische Erneuerung, die eben erschienen ist, beschäftigt sich mit dem Thema neue Kriege und Militarisierung. Die Beiträge beschäftigen sich u. a. mit Rohstoffkriegen, der „Transformation“ der Bundeswehr von einer Verteidigungsarmee zur weltweit einsetzbaren Interventionstruppe oder mit der Militarisierung der Hochschulen. Es gibt auch einen Beitrag des halleschen SDS-Mitglieds Anne Geschonneck zur Zivilklauselbewegung, den ich aus lokalpatriotischen Gründen nicht verschweigen möchte. Der Link zur Zeitschrift befindet sich in der Zeitschriftenliste auf der Startseite unseres Blogs.


[1] Massarrat, Mohssen 2013: Macht im Kapitalismus. In: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Bd. 24 (2013), Nr. 93, S. 48. Online verfügbar unter URL: http://mohssenmassarrat.weebly.com/uploads/3/3/8/9/3389565/macht_im_kapitalismus_pdf_05-02-13.pdf

[2] Vgl. Massarrat, Mohssen 2011: Missverständnisse über Kapitalismus. In: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Bd. 22 (2013), Nr. 88, S. 42-59.

[3] Massarrat, Mohssen 2013 a. a. O., S. 48.

[4] Ebd.

[5] Ebd., S. 49.

[6] Weber, Max 1976: Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen, S. 531.

[7] Vgl. Massarrat, Mohssen 2013 a. a. O., S. 50. Wegen Manns Machttheorie siehe Mann, Michael 1994: Geschichte der Macht. Frankfurt/Main, S. 24.

[8] Vgl. ebd., S. 51.

[9] Vgl. Arendt, Hannah 1993: Macht und Gewalt. 8. Aufl. München, Zürich, S. 36-40.

[10] Ebd., S. 45.

[11] Vgl. ebd., S. 42f. und 45.

[12] Siehe Poulantzas, Nicos 1974: Politische Macht und gesellschaftliche Klassen. Frankfurt sowie Esser, Josef 1975: Einführung in die materialistische Staatsanalyse. Frankfurt/M., New York.

[13] Massarrat, Mohssen 2006: Kapitalismus, Machtungleichheit, Nachhaltigkeit: Perspektiven zu revolutionären Reformen. Hamburg.

[14] Massarrat, Mohssen 2013 a. a. O., S. 59.

[15] Ebd., S. 60.

[16] Vgl. auch Massarrat, Mohssen 2006 a. a. O., S. 48f.

[17] Massarrat, Mohssen 2013 a. a. O., S. 59.

[18] Vgl. ebd., S. 60.

[19] Vgl. ebd., S. 61f.

[20] Vgl. ebd., S. 62.

[21] Vgl. ebd., S. 63.

2 Gedanken zu „Die Macht – Über eine Theorielücke im Marxismus“

  1. Hallo Stefan,

    vielen Dank für deinen interessanten Hinweis auf den Zeitschriftenartikel und das Aufwerfen der Machtfrage. Ich habe eine relativ spezfische Nachfrage: Der Autor meint, dass die Überlegungen von Weber und Mann für ein komplexes Machtverständnis nicht ausreichen und du scheinst diese Kritik zu teilen. Bei Mann kann ich die Kritik nicht teilen und wollte dich fragen, weswegen diese Differenzierung, die Mann vornimmt, nicht ausreicht? Ich finde Manns Unterteilung sehr plausibel und ich habe jüngst Manns Buch „The Dark Side of Democracy“ in Auszügen gelesen, wo er auf seine Machtstudien aufbaut, und ich fand das sehr einleuchtend. Seine Unterscheidung die er dort trifft (Mann 2005: 30-33) – ideologische, ökonomische, militärische und politische Macht – als „four sources of social power“ (Mann 2005: 30) erscheint mir sehr geeignet, um verschiedene Formen und Dimension von Machtausübung, Machtunterworfenheit und Machterwerb zu analysieren.

    Viele Grüße!

  2. Ja hallo,

    da hätte ich vielleicht stärker darauf eingehen können. Ich habe ja schon deutlich gemacht, dass ich den Machtbegriff von Arendt etwas plausibler finde als den von Massarrat bzw. Massarrats Interpretation von Arendts Machtbegriff. Seine Kritik an Michael Mann fiel in dem Aufsatz extrem kurz aus und wurde leider nicht umfangreicher begründet. Aber in dem Buch, auf das ich auch verwiesen habe und das aber nicht im Bestand unserer Bibliothek zu finden ist („Kapitalismus, Machtungleichheit, Nachhaltigkeit“), schreibt er auch über Manns Machttheorie. Vielleicht begründet er dort seine Kritik ausführlicher. Es ist unter anderem in Osnabrück und Hamburg ausleihbar – vielleicht mag dort jemand aus unserer AG mal nachlesen :).
    Ich fande Manns Machttheorie, als wir sie im BA in der Vorlesung behandelt hatten, auch sehr schlüssig, zumindest im Vergleich zu Webers Chancenmodell. Daher würde ich die Kritik an Mann ohne nähere Erläuterung auch nicht teilen, die Kritik an Weber dagegen schon.

    Beste Grüße!

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