Subjektivierungsforschung quo vadis? Auf holprigen Wegen zwischen Kollektiv und Individuum

Tagungsbericht zu: Jenseits der Person. Die Subjektivierung kollektiver Subjekte, 06.-08. April in Leipzig

Von Frederik Metje, Clelia Minnetian, Daniel Staemmler und Ferdinand Stenglein

 

Unter dem Stichwort Jenseits der Person hatten Thomas Alkemeyer (Oldenburg), Martin Saar (Leipzig), Ulrich Bröckling und Tobias Peter (beide Freiburg) nach Leipzig geladen, um dort die Frage nach der Konstitution und Organisation von Kollektiven aus der Perspektive der Subjektivierungsforschung zu stellen.

Das Panorama der drei Tage bildete neben den Räumlichkeiten der Biblioteca Albertina eine grundlegende Feststellung: Untersuchungen von Subjektivierungsweisen mögen mittlerweile zwar fest zur sozialwissenschaftlichen Forschungslandschaft gehören, jedoch begrenzen sie sich oftmals auf Individuen. Demgegenüber erscheinen aber gerade Organisationen, Netzwerke und Gemeinschaften als Subjektivierungsmotoren entlang der Imperative von Teambildung und Kooperation sowie der Pluralisierung von Selbstentwürfen. Sie geben Anlass, den Blick nicht nur auf die Subjektivierung in, sondern ebenso von Kollektiven zu richten.

Zur Begrüßung gaben Ulrich Bröckling und Frank Alkemeyer jeweils einige subjektivierungs- bzw. praxistheoretische Fluchtlinien vor. Bröckling erörterte sechs Zugänge zur Analyse der Subjektivierung kollektiver Subjekte. Aus paradoxen Zeitschleifen (1) gehen sie als komplexe Assemblagen (2) hervor, deren konstitutive Momente der Versammlung bzw. Ordnung von Körpern, Affekten und Artefakten es zu kartieren und zu analysieren gilt. Weiterhin bewegen sich Kollektive stets zwischen Heteronomie und Autonomie (3) und werden erst in ihrer Faltung (4), sprich ihrem relationalen Beziehungsgeflecht, als solche reflexiv. In der Iteration (5), der stets vorläufigen Wiederholung und Variation, schwanken sie zwischen Stabilisierung und Destabilisierung, was das Potential einschließt – mit Rancière gedacht – gerade im Ereignis (6) ihren Anteil geltend zu machen. Alkemeyer bezog sich stärker auf den mikrosoziologischen Zugang, indem er einige Besonderheiten der Praktiken kollektiver Subjektivierung anführte. Dazu gehörten Fragen zu Dispositionen (1), bspw. für die Mitgliedschaft in Kollektiven, ebenso wie Fragen der Performativität (2). Relevanz beansprucht dabei stets der Bezug sozialer Praktiken auf die Körperlichkeit bzw. Materialität (3) von (kollektiven) Subjekten. Dies schließt außerdem die Affektivität (4) von Praktiken ein. Sie wird durch kollektive Vorstellungen besetzt und trägt so zur Entstehung von Einheitsfiktionen bei. Das Schwanken zwischen polizeilicher und politischer Kollektivierung – gerade bei diesen Bezügen – verdeutlicht zudem die Bedeutung der Ambivalenzen (5) in der kollektiven Subjektivierung.

Das erste Panel der Tagung befasste sich dezidiert mit theoretischen Zugängen und fokussierte in den drei Vorträgen stark auf die Subjektivierung politischer Kollektive. Franziska Martinsen (Hannover) und Oliver Flügel-Martinsen (Bielefeld) eröffneten das Panel, indem sie die politische Subjektivierung bei Michel Foucault, Judith Butler und Jacques Rancière im Spannungsfeld zwischen Unterwerfung und Handlungsfähigkeit nachzeichneten. Die jeweiligen Ansätze grenzen sich von einer ideengeschichtlichen Konstante des Individualismus ab und vermögen demgegenüber Kollektivität abseits objektivistischer Geschichtsphilosophien zu denken. Während bei Foucault und Butler die Unterwerfungsseite des Subjektes hervorgehoben wird, eröffnet gerade Rancières Verständnis der politischen Subjektivierung eine Perspektive auf Handlungsfähigkeit politischer Kollektive als Desidentifikation mit polizeilichen Ordnungen. Zur Analyse verschiedener Kollektivsubjektivierungen plädierte Hannes Glück (Oldenburg) für eine Zusammenführung der Zugänge von Ernesto Laclau und Rancière über den Modus einer pragmatischen Arbeitsteilung. Über den Vergleich der Figur des Volkes während der Montagsdemonstrationen 1989 und bei PEGIDA erläuterte Glück, dass sich die Perspektive Rancières insbesondere zur Beschreibung von kollektiven Subjektivierungen mit dem Ziel der Emanzipation eigne, während Laclaus diskursanalytisches Vokabular zum Nachvollzug der Strategien eines solchen Kollektivs dienen könne. Wolfgang Fach (Berlin) schloss das Panel mit einem an Foucaults Gedanken zur Gouvernementalität orientierten Vortrag über Regierungstechniken und kollektive Subjektivierungsweisen in Großbritannien. Er legte dazu verschiedene britische Vorstellungen von Gesellschaft dar und wie diesem Bild entsprechend regiert wurde: von Thatchers Diktum „There is no such thing as society“ bis zu Camerons Vorstellung ‚kleiner Gemeinschaften‘, die durch spezifische Programme befördert werden sollten. Letztere hat jedoch mit der Ausbildung muslimischer Gemeinschaften und deren Problematisierung selbst wieder einige Einschränkungen erfahren, was sich etwa in einer rigiden Überwachungs- und Meldepolitik in englischen Schulen widerspiegelt.

Im zweiten Panel zu Technologien sprachen Lisa Pfahl (Innsbruck) und Boris Traue (Lüneburg) über Kollektivierende Subjektivierungen und ihre Materialitäten. Zunächst verknüpfte Traue aus einer kommunikationstheoretischen Perspektive das poststrukturalistische Anrufungskonzept mit dem phänomenologischen Paradigma. Daran anschließend ging Pfahl auf Disability Movements ein. Dabei wies sie zum einen auf Objektivationen hin, die mit Subjektivierungsprozessen einhergehen – in diesem Fall idealtypisch ‚der Rolli‘ –; und zum anderen auf das Konzept der Nicht-Anhörung, mit welchem sich das Verhältnis zwischen der Behindertenbewegung und ihrer Umwelt neu denken lässt.

Im nächsten Vortrag reflektierte Thorsten Schlee (Köln) gesellschaftliche Selbstbeschreibung, die analog zum Sprechen über Ameisengesellschaften gedacht werden. So wird bei Steuerungsvorhaben versucht, natürliche Eigenbewegungen durch Selbstorganisation nutzbar zu machen – etwa durch die Förderung von Techniken zur lokalen Selbstorganisation. Dabei würde jedoch nicht thematisiert, dass es sich bei solchen Subjektivierungen von Gemeinschaften um Erzählungen handelt, die versuchen Gesellschaft frei von Künstlichkeit zu denken und gerade dadurch einen evolutionär-ökologischen Naturalismus schaffen.

Der Donnerstag begann mit dem dritten Panel Politische Kollektive – Körper und Affekte, das vier Beiträge umfasste, die sich insbesondere dem politischen Charakter kollektiver Subjekte widmeten und mit je eigenen analytischen Schwerpunkten einen methodischen Beitrag zum Thema der Tagung leisteten. Den Anfang machte Jasmin Siri (Bielefeld), welche das in der Systemtheorie unterrepräsentierte Subjekt mit dessen Überrepräsentation in der Psychoanalyse kontrastiert. Mit dieser Doppelperspektive untersuchte die Parteienforscherin anschließend die programmunabhängige und somit paradoxe Stabilität der Alternative für Deutschland (AfD). Einen reflexiven Beitrag bot anschließend Felix Heidenreich (Stuttgart), indem er die Relevanz von Analogien zur Beschreibung kollektiver Subjekte thematisierte. Er stellte eine neue Leitmetapher zur Disposition – die der Baustelle. Sowohl das Leben als auch die Europäische Union als solche zu begreifen, könne zu einer Verschiebung alltagsweltlicher Transparenz- und Souveränitätsvorstellungen führen, so Heidenreich. Nach einer kurzen Pause betonte Christian Helge Peters (Hamburg) mit einem Einblick in sein Dissertationsprojekt die Relevanz von Affekten bei der Analyse von Kollektiven. Bei seinen Untersuchungen von Bürgerwehren in Ost- und Westdeutschland veranschaulichte er den Einfluss von Bedrohungsgefühlen bei der Konstitution solcher Kollektivsubjekte und schloss damit an Randall Collins Konzept emotionaler Energie an. Den letzten Beitrag des Panels leistete Helene Gerhards (Göttingen) mit einer Genealogie von Patientensubjekten. Nach einer kurzen Darlegung vorheriger Episoden konzentrierte sie sich in ihren Ausführungen auf die aktuelle Phase der Patientenorganisation. Am Beispiel des ACHSE e. V. legte sie dar, wie sich ein kollektives Patientensubjekt im Streben nach gesellschaftlicher Mitbestimmung und Aufmerksamkeit konstituiert. Entlang der foucaultschen Achsen von Macht, Wissen und Selbstverhältnissen wurde zur Diskussion gestellt, ob es sich hierbei um eine neue historische Episode oder um eine Begleiterscheinung einer bestehenden – den ‚healthy lifestyle‘ – handelt.

Unter dem Panel Mikrokollektive in Kunst und Sport fanden drei Beiträge zusammen, die exemplarische Analysen kleinerer Kollektive boten. Die Perspektivierung kollektiver Subjekte anhand empirischer Fälle erlaubte es dem Plenum, neue Aspekte jenes Subjektmodus auszumachen und somit die Einführungen von Bröckling und Alkemeyer zu ergänzen. Matthias Michaelers (Oldenburg) Vortrag zur Subjektivierung eines Volleyballteams unterstrich (insbesondere in der anschließenden Diskussion) die situative Wirksamkeit eines über langwierige Einschreibungsprozesse entstandenen, spielfähigen Kollektivkörpers. In Verbindung mit diesem diskutierte das Plenum den anschließenden Vortrag mit dem Titel Doing Jazz – improvisierte Subjektivierung improvisierender Kollektive. Christian Müller (Freiburg) betrachtete die Subjektivierung von Jazz-Bands entlang eines Stufenmodells. Dabei folgten die anschließenden Wortbeiträge der Frage, ob es sich hierbei um spontane Praktiken oder um eine so tief verwurzelte Subjektivität handle, dass sie für Außenstehende quasi spontan wirkt. Wie schon der Fall des Volleyballteams zeigte, scheint eine kollektive Subjektivierung auch im Spannungsfeld von Institutionalisierung eines Kollektivs und der situativen Gebundenheit desselben zu verlaufen. Mit einem Beitrag von Severine Marguin und Cornelia Schendzielorz (Lüneburg/Berlin) schloss das Panel zu Mikrokollektiven. Sie widmeten sich einer Untersuchung von kollektiven Künstlern in Berlin und Paris, welche ihre Individualität zugunsten eines kollektiven Produktes negieren. Betont wurde in diesem Beitrag insbesondere, wie solche Gruppen Adressaten von Reputation werden können, mit und durch ihre Werke eine kollektive Handlungsmacht aufweisen und auf Dauer (über)leben.

Das letzte Panel des Donnerstages vereinte Untersuchungen von Großen Kollektiven und bildete einen Kontrast zur mikrosoziologischen Perspektive des vorherigen Panels. Ausgehend von Immanuel Kants Vorlesungen zur Pädagogik stellte Florian Heßdörfer (Leipzig) einen Beitrag zu einer Genealogie der Generation vor. Dabei illustrierte er überzeugend, wie der Begriff seine futurisierende und an menschlicher Vervollkommnung ausgerichtete Konnotation durch die Industrialisierung und das Aufkommen der Naturwissenschaft verlor und sich mit einem biologistischen Konkurrenzdenken verband. Nachdem die Folgediskussion die Zuschreibungsfunktion des Generationenbegriffes diskutierte, fuhr Elena Dingersen (Darmstadt) mit einer Analyse von Städten als Figuren des Sozialen fort. Am Beispiel von Dresden und St. Petersburg stellte sie verschiedene soziale Deutungsweisen von Städten vor, darunter Städte als widerständige, emotionale oder mit Gaben gesegnete Akteure. Mit der Hypothese, dass eine Stadt auch die Funktion eines Familienmitgliedes erfüllen könne, beendete sie ihren Vortrag, der besonders die Eigendynamik großer Kollektive betonte. Zum Abschluss des Tages referierte Imke Schmincke (München) zur neuen Frauenbewegung, deren Geschichte sie als doppelte Subjektivierung nachvollzog: Die Untersuchung zentraler Texte von Alice Schwarzer, Verena Stefan und damaligen Selbsterfahrungsgruppen zeigte, dass das Ziel der Autonomie in der Subjektwerdung einzelner nur über die Kollektivierung als ‚Frauen‘ sowie neue Aneignungen des Körperlichen erfolgen konnte, was jedoch ebenso zu Problemen des Ausschlusses führte. Im Anschluss wurde insbesondere die These einer doppelten Subjektivierung diskutiert, welche auf das eingangs von Bröckling abgesteckte Verhältnis zwischen einer Subjektivierung von und in Kollektiven verwies.

Freitagmorgen wurde das erste Panel Kollektivsubjekte in Bildung und Wissenschaft von Verena Eickhoff (Düsseldorf) eröffnet. Die Konjunktur des Diversity Managements führe an deutschen Hochschulen zu einer doppelten Chance, indem das reflexive Moment in der Auseinandersetzung mit der Diversität sowohl den Wandel von Institutionen zu Organisationen befördere als auch eine Kritik der Ökonomisierung ermögliche. Vor dem Hintergrund des spezifischen empirischen Feldes wurde an die Figur einer doppelten Subjektivierung von Kollektiven angeschlossen. Ähnlichen Diskursen, Anrufungen und Technologien widmeten sich Melanie Schmidt und Daniel Diegmann (Leipzig) in Bezug auf die Organisationswerdung von Schulen. Im Kontext institutioneller Zielvereinbarungen werden neue Formen der Kollektivität in Schulen sowie über einzelne Schulen hinaus angerufen. Die daraus resultierenden jeweiligen Einheitsfiktionen der Kollektive werden zwar stets von verschiedenen Individualisierungsweisen durchkreuzt; führen letztendlich aber zu einer relativen Stabilisierung von Kollektivsubjekten mit dem Auftrag der nachhaltigen und eigenverantwortlichen Qualitätsentwicklung.

Im Abschlusspanel stellten sich Norbert Ricken (Bochum) und Nikolaus Buschmann (Oldenburg) der schwierigen Aufgabe, die heterodoxen Argumentationslinien der Tagung zusammenzuführen, um ein Feld für die abschließende Diskussion im Plenum zu sondieren. In Anlehnung an die Eröffnungsvorträge griffen sie den Vorschlag auf, Subjektivierungsweisen als figurative Formen zu denken. Ihre Zusammenfassung strukturierten sie an den Grundfragen: Was, wie und wohin mit der kollektiven Subjektivierung? Bezogen darauf, welche Fragen überhaupt im Rahmen der Tagung beantwortet werden könnten, stellten Ricken und Buschmann fest, dass sich kollektive Subjektivierung als Figuration einer individualisierungtheoretischen Perspektive weitestgehend entziehe. Zwar sei das Terrain der Subjektivierungsforschung in erster Linie das Individuum, doch als relationale Denkfigur bewege sich eine Perspektive der kollektiven Subjektivierung zwischen Kollektiv und Individuum – so wie es im Vortrag von Schmincke als doppelte Subjektivierung bereits anklang. Die anschließende Frage, ob es sinnvoll sei, dieses Verhältnis mit einem Begriff zu bezeichnen, ließen sie offen. Vielleicht, so formulierten sie rhetorisch, könnten Gruppen gar besser verstanden werden, wenn sie nicht verstanden würden?

Im Folgenden erarbeiteten Ricken und Buschmann vier analytische Linien aus den Vorträgen der Tagung. Die erste Linie betraf die Kennzeichnung von Kollektivität: In den Vorträgen wurden jeweils Vorschläge für Kollektive verhandelt, doch blieb deren Abgrenzung oft unbeantwortet, sodass offen blieb, ob Netzwerke oder gar Marken kollektive Subjektivierungszusammenhänge sind. Zweitens gelte es, die konkreten, prozessualen Vollzugswirklichkeiten mehrerer Subjekte – durch Selbstbezüglichkeiten und Selbstsorge von Akteuren – stärker zu thematisieren. Drittens habe die Vielfältigkeit der Vorträge die Bezüge zum Poststrukturalismus durch genealogische Aspekte und die Spannung zwischen Heteronomie und Autonomie, Herstellung und Durchbrechen polizeilicher Ordnung illustriert. Viertens sahen sie die Tagung als ein Plädoyer für Methodenvielfalt: Es gelte auch in Zukunft, Materialitäten und Körperlichkeiten in die vielfältigen Beobachtungsweiten kollektiver Subjektivierungen – von situativ bis iterativ – zu integrieren. Letztendlich wurde davor gewarnt zu reifizieren. Interne Differenzierungen sollten nicht dethematisiert und so einer Einheitsfiktion von Kollektiven Vorschub geleistet werden – man denke nur an das Negativbeispiel der Nation. Wie – so stellten sie zur Diskussion – könne angesichts der Gefahren einer Überhöhung des Kollektiven kollektive Subjektivierung als Soziologie der Kritik gedacht werden?

In der darauffolgenden Abschlussdiskussion wurde die von Buschmann und Ricken hervorgehobene Gefahr der Ontologisierung des Kollektiven ausgiebig diskutiert. Einerseits wurde provokativ herausgehoben, man müsse sich orthodox an Foucault und dem Gründungsdiskurs der Subjektivierung orientieren. Alle Betrachtungen, die sich davon emanzipierten, seien höchst begründungsbedürftig, und dies hätte die Tagung nicht geleistet – die Gefahr der Ontologisierung sei also durchaus sehr präsent. Demgegenüber wurde eine theoretische Orthodoxie als Fiktion bezeichnet: Es gäbe keine abgeschlossenen theoretischen Gebäude; vielmehr entzögen sich diese einer Festschreibung und würden kontinuierlich fortgeschrieben und dezentriert. Aufgrund dessen könne die Perspektive kollektiver Subjektivierung anstelle eines normativen Begründungsrahmens eine Interventionsrolle in programmatische Theoriegebäude einnehmen.

Darüber hinaus wurde die fehlende Thematisierung kollektiver Subjektivierung auf den Vollzugszusammenhang der Tagung selbst bemängelt, denn das Potenzial des eigenen universitären Subjektivierungszusammenhangs sei wenig genutzt worden. Wiederholt wurde die Perspektive der Figuration und die Bedeutung konkreter Wirklichkeitszusammenhänge kollektiver Subjektivierungen stark gemacht. Figurationen könnten dabei nicht nur als relationale Kategorie, sondern auch als ästhetische Brille gesehen werden. Die Diskussion endete mit dem abschließenden Appell, dass in der Konstitution kollektiver Subjekte die Gleichzeitigkeit von Ermächtigung und Unterwerfung nicht aus dem Blick rücken dürfe, will man ein kritisches Potential bewahren.

 

Gefährliche Ontologisierung diesseits der Person – Ein Ausblick

Die interdisziplinär besuchte Tagung ist insgesamt in das (wieder)erstarkte sozial- und politikwissenschaftliche Interesse an der Thematisierung der Potenziale und Gefahren von Kollektivität einzuordnen. Dabei konnte sie sich aber kaum davon emanzipieren, kollektive Subjektivierungen abseits des Subjektes zu denken und blieb insofern in der hegemonialen und individualisierenden Denkweise der Subjektivierungsforschung verhaftet. Ob also trotz der wiederholten Bekräftigungen des relationalen Charakters von Subjektivierung wirklich ein Jenseits der Person markiert werden konnte, bleibt zunächst fraglich. Dies zeigt sich deutlich daran, dass Ängste vornehmlich bezüglich der Ontologisierung des Kollektiven geäußert wurden, jedoch nicht hinsichtlich der Überhöhung und impliziten Setzung einer prioritären Kategorie des Einzelnen, des Subjektes. Auch wurde das Jenseits der Person selbst nie explizit als Thema sondiert, vielmehr verschoben sich die Inhalte der Tagung hin zu ihrem Untertitel – der Subjektivierung kollektiver Subjekte. Eine originäre Perspektive auf das Jenseits der Person müsste sich von dieser individualisierungstheoretischen Semantik absetzen und das Subjekt als volle Kategorie und damit letztlich auch den Begriff der Subjektivierung selbst zu Grabe tragen. Auch würde ein solches Vorhaben bedeuten, sich nicht nur jenseits der Person, sondern eben auch jenseits des Kollektivs zu bewegen und die einfachen Dualismen von Individuum und Struktur (wahlweise auch Diskurs oder Gesellschaft) zu durchqueren. Diese würde – wie in der Abschlussdiskussion gefordert – hinsichtlich des Verhältnisses der ontologischen Kategorien – des Subjektes und des Kollektivs – eine neue Semantik befördern und mit den Orthodoxien der Subjektivierung brechen.

Insgesamt bietet die Tagung einen Anstoß, in eben jene interventionistische Richtung weiter zu gehen, wozu sie einige Ansatzpunkte, wie dies gelingen könnte, direkt mitgeliefert hat. Es bleibt abzuwarten, dass diese noch fragilen Ideen in einer Folgekonferenz wieder aufgegriffen und weitergeführt werden.

One thought on “Subjektivierungsforschung quo vadis? Auf holprigen Wegen zwischen Kollektiv und Individuum”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.