THEMA

Herrschaft & Widerstand

Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf umkämpfte Verhältnisse

Herrschaft und Widerstand stehen in einer unmittelbaren Beziehung zueinander. Widerstand kann sich nur gegen Herrschaft richten; Herrschaft sich erst in der Möglichkeit des Widerstandes gegen sie beweisen. Sie scheinen zwei Seiten einer asymmetrischen Auseinandersetzung zu sein, in der die Verhältnisse umkämpft bleiben. Das Spiel zwischen Regierung und Opposition in der institutionalisierten Form westlicher Demokratien ist nur ein Ausdruck dieser Beziehung. Denn auch außerinstitutionelle Konfrontationen auf gesellschaftlicher Ebene gehören dazu. Deutlich wird dieses Wechselspiel im Aufbrechen bestehender Gleichgewichte, wie aktuelle Entwicklungen unmittelbar zeigen: ob bewaffnete Konflikte in Syrien oder der Ukraine, politische Krisen wie in Griechenland, ökonomische Krisen wie die Finanz- und Staatsschuldenkrise der EU oder kollektiver Widerstand wie durch die Anonymus-Bewegung oder Cyberattacken einzelner Hacker. Herrschaft und Widerstand spielen auch abseits von Staaten, Krisen und politischen Institutionen eine Rolle. Wir finden sie in Behörden, Verbänden oder den Familien- und Geschlechterverhältnissen. Herrschaft und Widerstand existieren in den alltäglichen Praxen, sind Teil von Lebensformen und gestalten sogar unser Verhältnis zu uns selbst. Herrschaft besitzt in diesen verschiedenen Kontexten ebenso vielfältige Formen wie der Widerstand gegen sie.

Zentral für die Interdependenz der beiden Begriffe ist Legitimität. Jede Herrschaft ist zweifelhaft und umstritten – ohne legitimierende Grundlage kann keine Herrschaft lange bestehen. Im selben Maße muss sich auch Widerstand gegen eine bestehende Herrschaft legitimieren und durchläuft dabei einen Prozess, in dem bestehende Herrschaftsverhältnisse in Frage gestellt und/oder die eigene Form des Widerstandes gerechtfertigt werden müssen. Doch steht die Legitimität notwendigerweise auf einer Seite oder kann sie beide zeitgleich stützen? Ist sie konstitutiv oder dient sie (nur) als eine  Art „Schutzschild“ gegen die jeweils andere Seite? Und bedürfen Herrschaftsverhältnisse der Legitimation, sobald sie erst einmal „normal“ geworden und in ihrer Eigenheit nicht mehr wahrzunehmen sind?

Vor diesem Hintergrund stellen sich zahlreiche Fragen.

  • Erstens Fragen zur konzeptionellen Auffassung der beiden Begriffe Herrschaft und Widerstand sowie deren Verhältnis zueinander, z. B.: Wie können Herrschaft und Widerstand zusammen gedacht werden?  Wie lassen sich beide Begriffe überhaupt denken? Was unterscheidet Herrschaft begrifflich von „Autorität“, „Dominanz“, „Macht“ oder „Hegemonie“? Wenn  Herrschaft und Widerstand in einer interdependenten Beziehung stehen, ist dann bei jeder Herrschaft auch immer Widerstand möglich oder benötigt Herrschaft gar Widerstand, um sich selbst zu stabilisieren?

  • Zweitens Fragen zum Komplex der unterschiedlichen Ausprägungsformen: Wie sehen Herrschaft und Widerstand in verschiedenen Kontexten aus und wie funktionieren sie? Welche Formen nehmen sie an und auf welche Strategien und Mechanismen greifen sie zurück? Dabei kann das Spektrum von festgeschriebenen, gesetzlichen Herrschaftsstrukturen bis zu informellen Normen und Gebräuchen reichen; vom Alltagswiderstand bis hin zum gewaltsamen Sturz einer herrschenden Elite.

  • Drittens zur Frage der Legitimität: Auf welche Weise wird Herrschaft legitim; welche Diskurse, Bedingungen und Ideen spielen dabei eine Rolle? In welchem Verhältnis steht Legitimität zur legalen Verfasstheit? Wie schafft es Widerstand sich selbst zu legitimieren – und zielt Widerstand damit auf die Erlangung von Herrschaft? Klassische Konzepte von Herrschaft und Legitimität haben eine lange Tradition von Widerstandsrechten begründet und bieten ebenso Bezugspunkte wie neu identifizierte Herrschaftsmechanismen oder innovative Formen von Widerstand.

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