Offene Textrunde (IV) – Henning Schmidgen über Wissenschaft. Das Labor als Archiv und Maschine.

Zwischen unterschiedlichen Forschungsfelder, die im Überblickswerk „Poststrukturalistische Sozialwissenschaften“ dargelegt werden, findet sich auch ein Abhandlung zu Wissenschaft, was zunächst wie eine metatheoretische Abhandlung scheint…

Henning Schmidgen bemüht sich zu Beginn des Aufsatzes um eine Darstellung dessen, was sich wissenschaftsphilosophisch seit zweihundert Jahren entwickelt hat. Er schildert zwei miteinander verwobene Perspektiven: Wissenschaft als Konstruktion von Theorien, basierend auf Beobachtungen; als auch das Ableiten der Wirklichkeit aus solchen Theorien (Schmidgen 2013: 450). Unter Bezug auf Thomas Kuhn und Rudolf Carnap zeichnet er so ein dualistisches Bild zwischen Positivismus und Antipositivismus; Elementarismus und Holismus, etc. – geeint in einer Verbindung von Mikro- und Makroperspektive (Ebd.: 450).

Angelehnt an Derrida verortet er postmoderne Wissenschaft zwischen dieser Dualität – statt Positivismus und Antipositivismus, Postpositivismus. Ein Wissenschaftsverständnis, geeint in seiner kaum überschaubaren Vielfalt. Entgegen den „soziologischen und historischen Großerzählungen“ seien „molekulare Untersuchungen von räumlich wie zeitlich eng umgrenzten epistemisch-technischen Verhältnissen und Verläufen“ zu betrachten (Ebd.: 451/452). Die Stränge „Theorie“, „Experiment“ als auch das „Instrument“ würden unter dieser Perspektive eine Verbindung erfahren, wie Schmidgen es folgend veranschaulicht (Ebd.: 451). Hierbei stellt er je einen poststrukturalistischen „Klassiker“ vor, um auf diesen Bezug nehmende, aktuelle Forschung zu erläutern.

Michel Foucault sei trotz antipositivistischer Perspektiven als Kerndenker postpositivistischer Wissenschaftsforschung anzuerkennen. Sowohl durch Analysen unpräziser Naturwissenschaften gegen den vorherrschenden Mainstream, als auch seiner Neuinterpretation des „Wissens“ (Ebd.: 452). So veranlassten dessen Werke zur Diskursformation, also den Voraussetzungen von Wissensordnungen (Räume, Regeln/Archiv, Bruchstellen), Paul Rabinow diese Werkzeugkiste zu übernehmen. Anhand eines begrenzten, ethnographischen Vorgehens zur polymerase chain reaction (PCR) arbeite er eine Entkopplung von (verstehender) (Lebens)Wissenschaft und der „Frage des Lebens“ heraus (Ebd. 453ff.). Dem gegenüber stelle Philipp Sarasin den fließenden Übergang zwischen öffentlicher und nichtöffentlicher Wissenschaft durch die Geschichte des Hygienediskurses dar (Ebd.: 455f.). Beide Fälle verweisen auf ein Überwinden bipolaren Denkens, ein multiples und sogleich integrales Verständnis Theorie.

Wissenschaftstheorie und Derrida scheinen nur selten in Zusammenhang gebracht zu werden (Ebd.: 456). Doch seine Schriften zu Husserl und die Grammatologie beweisen das Gegenteil. Schmidgen stellt mit einem Zitat vor allem eine Entwicklung heraus: „Früher sei in bezug auf Handlung, Denken, Bewußtsein, Unbewußtes und Erfahrungen oft von >>Sprache<< die Rede gewesen; mittlerweile sei die Schrift zur beherrschenden Analogie geworden […]“ (Derrida nach Schmidgen 2013: 457). Relevanz hat hier die Arbeit Bruno Latours zum Experimentierbetrieb am Salk-Institute. Dieser habe erklärt, dass die (publizierten) Ergebnisse maßgeblich von der dazu herangezogenen Literatur sowie selbst erzeugtem Datenmaterial abhängen, wodurch das Labor zu einer Tradierungsinstitution werde (Schmidgen 2013: 547f.) Hans-Jörg Rheinberg hingegen untersuchte das Wissenschaftsgeschehen als Bestandteil der Dekonstruktion, indem er das Verhältnis von sozialen und historischen Akteuren analysiert, die sich um einen Modellorganismus herum organisieren. Dabei zeige er die Paradoxie von Entdeckungen auf, welche, statt durch eine Rückbezüglichkeit auf Bisheriges, durch ein Fortschreiten bestimmt werden (Ebd.: 459f.). Das Nutzen von Dekonstruktion lässt in beiden Fälle auf eines schließen: Eine forschende Logik im Sinne Poppers scheint bei Experimenten durch einer historischen Derridas abgelöst.

Der dritte Abschnitt verweist auf Gilles Deleuze, seine Bezüge zu unterschiedlichsten Forschungsfeldern und die Gleichstellung von Religion, Kunst und Wissenschaft als Formen kreativen Denkens und Handelns. Schmidgen erklärt: „Es sind die frühen Schriften von Deleuze und Guattari, mit ihrer Insistenz auf der Kontinuität zwischen dem Materiellen und dem Semiotischen und der Fokussierung auf Maschine und >>Gefüge<< (agencements) von heterogenen Partialobjekten […]“ (Ebd.: 461). Wissenschaftliche Performativität, so folgert Andrew Pickering, resultiere aus dem Feld der Maschine, einem unvorhersehbarer Faktor ursprünglich im Subjekts (betont durch den mangle of practice) (Ebd.: 461). Instrumentarien von Laboraktivitäten sind folglich nur Teil des Tanzes der Handlungsträgerschaften – der Dynamik zwischen Materie, Mensch und Maschine. Diese Dynamik führe zu einem posthumanen Zeitverständnis (Ebd.: 461f.). Das Phänomen neuer Welterzeugungen (Lebewesen und Dinge inkludierend) durch Experimentaltechniken untersuchte Isabelle Stengers in den 1980er Jahren. Sie argumentiert, Wissenschaft werde durch ein Anlagern von Experimentaldispositiven an technische Objekte zu einem Politikum, erforschbar lediglich durch eine Analyse von Ethos (Verhaltensweisen bestimmter Lebewesen) und Oikos (Habitat, das Bedürfnissen des Lebewesens entspricht) (Ebd.: 463).

Mit der Frage „Sind wir nie postmodern gewesen?“ geht Schmidgen, Latour folgend, der Auflösung postmoderner Forschung nach. So belege das Versäumnis empirischer Überprüfung den Glauben an Erkenntnis jenseits kultureller Prägung. Schmidgen stellt dies als Selbstkritik Latours heraus, welche eine neue Dualität von (Anti)Positivismus und Postpositivismus (naive Verehrung und Verachtung) bemängele. Jene solle durch ein spirituelles Moment von Wissenschaft aufgebrochen werden, so Latour. (Ebd.: 465). In Abgrenzung dazu stellt Schmidgen abschließend zur Diskussion, ob nicht eine solche Verbindung von Wissenschaft und Religion den Dualitäten trotzen könnte.

Ausgehend vom Schmidgens Text (und dieser Zusammenfassung) bin ich auf folgende vier Fragen/ Anregungen gekommen.

  1. Ist die zu Beginn angeführte Dualität von Positivismus und Antipositivismus nicht zu verkürzt gedacht (Ebd.: 450f.). Ergibt sich nicht durch die Arbeiten des Wiener Kreises, einer breiten methodischen Ausdifferenzierung sowie dem Aufkommen des Konstruktivismus ein eher heterogenes Bild, ähnlich dem des Postpositivismus bei Schmidgen?
  2. Warum sollte gerade Spiritualität eine solche Signifikantenkette der Paradigmen durchbrechen? Ist die Frage, ob wir je postmodern waren nicht gerade deshalb mit ja zu beantworten, da neue Paradigmen jene Heterogenität fördern, die Schmidgen zu Beginn des Aufsatzes als charakteristisch postmodern bezeichnet hat? Ist es nicht ein unendlicher Prozess, wie Différance nahelegt?
  3. (Sollten die beiden Fragen mit ja zu beantworten sein, macht dies eine postmoderne Perspektive zu einer wissenschaftlichen Metaphysik? Ist auf diese Weise vielleicht ebenfalls eine Art Spiritualität zu denken?)
  4. Was macht diesen Text für Politikwissenschaftler_Innen interessant?

 

Literatur:

Schmidgen, Henning (2013): Wissenschaft. Das Labor als Archiv und Maschine, In: Moebius, Stephan; Reckwitz, Andreas (Hg.): Poststrukturalistische Sozialwissenschaften, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 450-466.

Veröffentlicht von

Frederik Metje

Frederik Metje

Hat in Kassel Politikwissenschaft, Philosophie, Geschichte und Erziehungswissenschaften studiert und ist seit April 2017 Promotionsstipendiat der Hans-Böckler-Stiftung. In seinem Dissertationsprojekt beschäftigt er sich mit Diskursen der Emotions- und Affektregulation und möglichen Kritik-Konzepten. Sein Interesse gilt außerdem poststrukturalistischer Theorie, Erkenntnistheorie und politischer Bildungsphilosophie. Frederik Metje ist seit 2013 Mitglied der AG Politische Theorie und der DNGPS.

4 Gedanken zu „Offene Textrunde (IV) – Henning Schmidgen über Wissenschaft. Das Labor als Archiv und Maschine.“

  1. Ich bin philosophisch (und poststruktualistisch) überhaupt nicht bewandert, daher verzeiht die folgenden vielleicht etwas unsachgemäßen Anmerkungen.
    Die erste Frage kam mir nach dem Lesen in ähnlicher Form auch in den Sinn. Mir ist nicht klar geworden, warum in der Vielheit der „postmodernen“ Wissenschaft der alte Dualismus Positivismus-Antipositivismus, sofern es diesen überhaupt in der dargestellten Striktheit gab, überwunden sein soll. Noch immer gibt es (die heute meist kritisch beäugten) Theorien und Philosophien, die sich um empirische Belege ihrer Aussagen wenig bis gar ncht kümmern, und solche (öffentlich eher gern gesehenen) wissenschaftliche Ansätze, die in Zahlen, komplexen Grafiken und Tabellen fast ertrinken. Und es gibt gute wissenschaftliche Theorien, die beides gut verbinden können – vielleicht gibt es so etwas mehr als früher, ich weiß es nicht. Ich sehe aber keine Überwindung des Gegensatzes Theorie-Empirie und finde den Begriff „postmodernes Bild der Wissenschaft“ auch problematisch, denn woher will Schmidgen heute schon wissen, dass wir eine „postmodernen“ Epoche der Wissenschaftsgeschichte erleben? Solche systematischen Begriffe lassen sich m. E. erst in ein-, zweihundert Jahren feststellen; zumindest denke ich, dass wir noch in der Moderne leben, aber das ist wohl eher eine geschichtswissenschaftliche Streitfrage.
    Deine vierte Frage ist für mich als Politikwissenschaftler natürlich sehr relevant. Ich muss gestehen, dass ich (nach einer wenig gründlichen Lektüre) relativ wenig mit dem Text anfangen kann. Interessant finde ich die philosophischen Bezüge zu naturwissenschaftlichen Themen. Ganz allgemein könnte sich die politische Theorie und auch die Politikwissenschaft insgesamt durchaus mehr mit den Forschungsergebnissen der Natur- und Lebenswissenschaften sowie deren gesellschaftlichen Implikationen auseinadersetzen bzw. im Studium der Politikwissenschaft könnten gewisse naturwissenschaftliche Inputs nicht schaden. Ein gutes aktuelles Beispiel für Ersteres wäre die Frage, ob „Social Freezing“ als politische Maßnahme gut, progressiv, emanzipativ etc. wäre oder ob hier nicht wieder unter dem Deckmantel der Freiheit (mehr Selbstbestimmung der Frau??) die Interessen des Kapitals den Interessen der Arbeitnehmerinnen übergeordnet werden. [Ich vermute Letzteres]

      1. In der ersten Frage sollte der Wiener Kreis lediglich als ein Beispiel von mehreren wissenschaftlich-philosophischen Strömungen dienen, deren Prägung noch heute fort wirkt und ggf. Teil eines modernen Wissenschaftspluralismus wurde.
        Der Wiener Kreis (im engen Rudolph Carnap, Otto Neurath und Moritz Schlick) zeichnete sich durch eine Verbindung von Empirismus und Logik aus (deshalb auch als Logische Empiristen oder Neopositivisten bezeichnet). Letztere sahen sie in einer objektiven Wissenschaftssprache verwirklicht, sie folgten also dem linguistic turn. Außerdem grenzten sie sich klar von der klassischen Philosophie (insb. Kant, Hegel und Nietzsche) und jeglicher Metaphysik ab. In der Politikwissenschaft finden wir solche Einflüsse heute vor allem in (stark) positivistischer Forschung…

    1. Hallo,

      nun auch noch ein verspäteter Kommentar meinerseits zum Text.
      Der Text ist recht außergewöhnlich find ich und zudem trotz des Einführungsbandes in „poststrukturalistische Sozialwissenschaften“ nicht ganz ohne was die Vorkenntnisse angeht. Das aber nur zu meinem Leseeindruck.
      Deine Fragen sind spannend und ich versuch mal auf 1) und 2) etwas einzugehen:
      Zu 1) Der Dualismus lässt sich mit J. Moses und T. Knutsen (Ways of Knowing, 2012) auch in die Begriffe Positivismus und Konstruktivismus gießen. Natürlich geht mit so einem 2er-Schema die Komplexität ziemlich verloren – gebe ich dir klar recht – aber die Stärke liegt wiederum in der Betonung der Differenz der vers. methodologischen Ansätze. Ob sich der Dualismus dann wirklich nur dadurch kennzeichnet, dass die zweite Form (Antipos.) die erste (Pos.) ablehnt, also ein Charakteristika ex negativo gewissermaßen, find ich nicht so überzeugend. Ich habe zudem Schwierigkeiten, Derrida oder postmoderne Wissenschaft allgemein als postpositivistisch zu bezeichen. Das würde ja bedeuten, dass man trotz aller Kritik an „den“ Positivismus anknüpft um darüber hinaus zu denken (sowie postmarxistische Denker_innen an gewisse Formen des Marxismus anknüpfen, um ihn dann anders zu denken). Das sehe ich aber im vorliegenden Text nicht. Vielmehr untersuchen die von Schmidtgen zitierten Studien positivistische/naturwissenschaftliche Forschung, um sie zu dekonstruieren, ihre Konstruktionsprozesse sichtbar zu machen und damit eine Geschichte erzählen, die sich jenseits der gängigen Wissenschaftsgeschichte bewegt. Ich hab also Schwierigkeiten diesen Dualismus und die vorgeschlagene 3. Kategorie zu verstehen.
      zu 2): Das ist nicht nur eine Frage, die du da stellst 😉
      Ich finde den historischen Einwand gegen die Bezeichnung „postmodern“ von SD gar nicht schlecht und wenn ich an die Debatte zwischen Benhabib und Butler Anfang der 1990er denke (Buch: Feminist Contentions), dann war zu dieser Zeit „postmodern“ ein philosophischer Streitbegriff par excellence. Damit dann in dem Aufsatz zu hantieren finde ich auch schwierig. Er sagt ja zudem auch wenig aus.
      Vielleicht deutet Schmidtgen am Ende seines Aufsatzes an, dass Glaube und Wissenschaft gar nicht so weit voneinander entfernt sind und ebenso wie Religion eine Glaubenssache ist, ist es Wissenschaft in gewissen Maße auch. Nicht ohne Grund räumen wir (meistens) wissenschaftlichem Wissen einen höheren Wert ein als dem Wissen aus einer Tageszeitung oder einem Blog. Wir geben dem erstgenannten Wissen mehr Wahrheitskraft, mehr Reputation, mehr Überzeugungskraft (noch dazu wenn dieses Wissen von einer/m bekannten Denker/in geäußert wird).
      Zudem ist Wissenschaft häufig eine ´Kopfsache´, eine geistige Tätigkeit welche indirekt auf die Spiritualität verweist. Die Gemeinsamkeit bzw. die spirituelle Basis, etwas (den Dualismus positivismus-antipositivismus) abzulehnen, kann dann vielleicht eine die von dir genannte einende Kette bilden?!

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