Kapitel 2: Verfehlter Realismus

Inwiefern hebt sich die vorher beschriebene Form des Realismus von anderen Positionen der politischen Philosophie ab?  Dieser Frage geht Geuss im dritten Kapitel Verfehlter Realismus nach und geht zur Abgrenzung auf zwei einflussreiche Ansätze ein, die das Gegenteil des von ihm favorisierten Realismus darstellen sollen.

  1. Der erste Ansatz  – der Abschnitt ‚Rechte‘

Auf der einen Seite steht der letztlich untaugliche Versuch, die Konstruktion einer Gesellschaft an einem idealisierten Rechtssystem auszurichten, das auf der Idee von Individualrechten aufbaut. Besonders kritisch betrachtet Geuss dabei die Vorstellung von subjektiven Rechten, die jedem aufgrund seiner Wesenseinheit  zustünden. Diese „merkwürdigen Rechte“, die als etwas gedacht werden, „was ihrer Kodifizierung und Durchsetzung in einem funktionsfähigem Rechtssystem ‚vorhergeht‘“ (87), seien eigentlich eine Erfindung Kapitel 2: Verfehlter Realismus weiterlesen

Kapitel 1: Realismus

In Kapitel 1 stellt Geuss sein Programm vor, dass die erste Annäherung an den von ihm vorgeschlagenen Realismus umreißt. Er fragt, welche Aufgabe der politischen Philosophie zukommt, wenn angenommen wird, dass menschliche Interaktion „störungsanfällig, instabil und fehlerbehaftet“ (35) verläuft. Was Geuss Realismus nennt, ist ein Verständnis von Politik, dass ihn danach fragen lässt „was in einem bestimmten Fall gut ist“ (47). Damit konkretisiert er seine bereits im Vorwort angekündigte Abkehr von metaphysischen Auffassungen von Politik. Geuss diskutiert fünf Aufgaben der politischen Theorie in diesem Kapitel.

(1)    Verständnis. Geuss stellt die Frage nach dem Selbstverständnis der politischen Philosophie. In welchem Maße können Verallgemeinerungen formuliert werden? Sind naturwissenschaftsgleiche Gesetze auf die gesellschaftliche Ebene übertragbar? Welchen Status haben hierbei geschichtliche Einsichten? (57-58)

(2)    Beurteilung. Geuss weißt darauf hin, dass es „eine einzige Dimension, anhand der allein wir in jeder Hinsicht das bessere System von dem weniger guten unterscheiden, (…) offensichtlich nicht“ gäbe (59). Dabei kritisiert er Kapitel 1: Realismus weiterlesen

Geuss-Lesekreis #1: Genug geträumt!

„Politik ist angewandte Ethik.“ (S.11) Das ist der Satz, den Geuss als Leitmotiv in einer Vielzahl von Diskussionen der aktuellen Politischen Theorie erkennt und den er seiner Streitschrift als Gegenstand der Kritik voranstellt. Da er wie alle guten Sätze mindestens doppeldeutig ist, soll zunächst zwischen zwei Lesarten unterschieden werden.

A: Angewandte Ethik in einer annehmbaren, weil unproblematischen, anodynen Lesart

Die erste der beiden Auffassungen von Angewandter Ethik ist nämlich gar nicht zu kritisieren, sondern wird von Geuss durchaus unterstützt. Ihr Tenor lautet: Menschen bleiben immer in ihren Wertvorstellungen gefangen. Weder lässt sich wertfreie Politik betreiben, noch Politik wertfrei untersuchen (vgl. S.11). Ethik ist allgegenwärtig und lässt sich nicht aus Handlungen tilgen. Insofern ist Politik deshalb tatsächlich angewandte Ethik. Das Problem ist jedoch, dass diese Ethik kein einheitliches, fortdauerndes Ganzes ist. Eigentlich ist der Singular bereits irreführend. Wir besitzen kein „übersichtliches und konsistentes System von Einstellungen, Überzeugungen und Präferenzen“ (S.12). Vieles ist uns egal und über noch viel mehr Geuss-Lesekreis #1: Genug geträumt! weiterlesen

Lesekreis zu R. Geuss „Kritik der politischen Philosophie“

Was ist eigentlich noch politisch an einer politischen Philosophie nach John Rawls oder Jürgen Habermas? Haben sie und im Anschluss an sie viele TheoretikerInnen nicht vielmehr die Philosophie entpolitisiert? Mit dieser provokanten Frage beschäftigt sich die selbsterklärte „Streitschrift“ des Philosophen Raymond Geuss. Die „Kritik der politischen Philosophie“ (engl. 2008) wurde im englischsprachigen Raum schnell zum wichtigen Diskussionspunkt. 2011 erschien die deutsche Übersetzung in einer, wie Geuss selbst schreibt, überarbeiteten und differenzierteren Version. Wir wollen uns in vier Sitzungen mit dem Werk beschäftigen und nutzen den Blog, um  weitere Interessierte zum Mitlesen und Diskutieren einzuladen.

Geuss, Raymond (2011): Die Kritik der politischen Philosophie. Eine Streitschrift. Hamburg: Hamburger Edition, 146 Seiten.

Der Plan sieht wie folgt aus:

1. Sitzung am 15.02. zu „Vorwort“ und „Einleitung“ (S. 7-34) (durch Malte M.)

2. Sitzung am 25.02. zu „Teil 1: Realismus“ (S. 35-81) (durch Jasper F.)

3. Sitzung am 07.03. zu „Teil 2: Verfehlter Realismus“ (S. 82-128) (durch Gesche J.)

4. Sitzung am 17.03. zu „Schlussfolgerung“ (S. 129-137) und als Resümeesitzung (durch Clelia M.)

„Weitermachen!“ Zur Aktualität von Marcuses Denken

Manchmal stößt man auf Schätze, die in der gegenwärtigen Diskussion kaum mehr eine Rolle spielen und trotzdem rufen: „Lies mich!“ Wir wollen als AG diejenigen Schätze, die politisch und intellektuell vielleicht über die Jahre etwas von ihrem Glanz eingebüßt haben, wieder ein wenig aufpolieren und hier im Blog von Zeit zu Zeit zur Diskussion stellen. Den Anfang macht ein Beitrag von Stefan, der sich mit zwei Arbeiten von Marcuse und dessen heutiger Relevanz auseinandersetzt. Das Buch „Der eindimensionale Mensch“, das eine ganze Generation politisierte, ist heute nur mehr gebraucht zu bekommen: Zu unrecht, wie sich nach dem Beitrag herausstellen soll.

„Weitermachen!“ Zur Aktualität von Herbert Marcuses Denken

von Stefan Wallaschek[i]

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Wie im Verständnis und Aufruf der AG Politische Theorie hervortritt, wird die Teildisziplin „Politische Theorie“[ii] aus Sicht vieler Studierender im Bachelor und Master zunehmend marginalisiert. Wie Hubertus Buchstein und Gerhard Göhler (vgl. 2007) schreiben, erscheinen diese Sorgen angesichts immer enger gestrickter Bachelor-Curricula „Weitermachen!“ Zur Aktualität von Marcuses Denken weiterlesen

Pressemitteilung zur Gründung

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Im November 2012 haben sich an der Universität Göttingen neun Studierende aus dem ganzen Bundesgebiet zusammengefunden und die „Arbeitsgruppe Politische Theorie“ innerhalb der Deutschen Nachwuchsgesellschaft für Politik- und Sozialwissenschaft e.V. (DNGPS) ins Leben gerufen. Bereits im Sommer 2011 war der erste Aufruf zur Gründung erfolgt, dem inzwischen über 30 Studierende gefolgt sind.

Die „AG Politische Theorie“ richtet sich an Studierende aus dem ganzen Bundesgebiet: Aktive und Interessierte kommen unter anderem aus Berlin, Bremen, Duisburg, Hamburg, Göttingen, Kassel und Potsdam. Die AG bietet Studierenden die offene und partizipative Möglichkeit, sich abseits vom Unialltag mit Politischer Theorie zu beschäftigen. In Zusammenarbeit mit anderen kann sich jeder und jede für verschiedene Themen engagieren. Geplant sind neben der Organisation klassischer Workshops oder Diskussionen zum Beispiel Lesekreise und Kolloquien zu Abschlussarbeiten.

Zentrale Anlaufstelle für Interessierte an der Arbeit der AG aber auch für Interessierte an Politischer Theorie ist das AG Blog (www.agpolitischetheorie.de). Das Blog soll neben Beiträgen mit Bezug zur Arbeit der AG sowie mit Infos und Terminen zu Politischer Theorie allgemein, auch als Medium für Projekte der AG dienen. Für einen virtuellen Lesekreis zum Werk von Slavoj Žižek läuft zur Zeit die letzte Koordination. Aber auch Ergebnisse der Arbeit innerhalb der AG sollen in Zukunft auf dem Blog veröffentlicht werden.

Weitere Veranstaltungen für 2013 sind in der Planung. So wurde bereits auf dem Gründungstreffen der Wunsch geäußert, sich mit der Methodenfrage in der Theorie zu beschäftigen.Deshalb wollen wir uns bei einem Workshop im März diesen Jahres an der Uni Bremen mit dem häufig geäußerten Vorwurf der Methodenferne der Politischen Theorie auseinandersetzen. Existiert sie wirklich, oder hat die Politische Theorie vielleicht sogar ihre eigenen großen Streitigkeiten, die sich in eine „positivistisch“-geprägte Methodik nur einfach nicht einordnen lassen?

Die AG ist offen für alle Studierenden, die sich einbringen möchten. Weitere Informationen findet ihr auf dem Blog. Seid dabei!