(Ohn)Macht des Subjekts in der Konsumgesellschaft?

In der Wochenzeitung „Der Freitag“ ist von einer Gastautorin über „FairTrade“- und „Bio“-Produkte geschrieben worden. Vor allem geht es ihr um die Desillusionierung eines „Ethischen Einkaufens“ und der Moral in der Wirtschaft, welche durch solche Kennzeichen das Verantwortungsbewusstsein von Unternehmen zeigen sollen (häufig auch als CSR – Corporate Social Responsibility – bezeichnet). Folglich habe der/die einzelne Konsument/in keine reale Macht, sondern diese sei bloße Illusion.

Zitat: „Mit der Forderung, verantwortungsbewusst und ethisch zu konsumieren, werden […] Zusammenhänge verschleiert. Die Schuld wird auf den Verbraucher abgeschoben, während die grundlegenden Strukturen des Systems […] nicht angetastet werden.“

Bedeutet dies einen „Abschied vom Subjekt“, weil die/der Einzelne eh nichts ändern könne (jedenfalls nichts grundlegendes)? Wozu überhaupt noch von „Subjekten“ reden, wenn wir eigentlich nur noch „unmündige KonsumentInnen“ sind? Hieße das dann im Umkehrschluss die Hinwendung zu einem strukturalistischen Denken? Müssen wir also die Struktur analysieren und daraus theoretische und praktische Schlüsse ziehen, weil wir dieser zwangsläufig und allumfassend unterworfen sind? Und würde das nicht sogar für die Politische Theorie und Philosophie bedeuten, dass es nur darum ginge, Macht- und Herrschaftsverhältnisse in den Blick zu nehmen; moralische Aspekte könnten als sekundär abgetan werden?

Veröffentlicht von

Stefan Wallaschek

Stefan Wallaschek

hat in Halle, Amsterdam und Bremen Politikwissenschaft und Ethnologie studiert. Er promoviert zu Solidarität in Europa in Zeiten der Krisen an der Bremen International Graduate School of Social Sciences (BIGSSS)/Universität Bremen. Zuletzt veröffentlichte er in der Zeitschrift für Politische Theorie den Artikel "Chantal Mouffe und die Institutionenfrage" (Heft 1/2017).

4 Gedanken zu „(Ohn)Macht des Subjekts in der Konsumgesellschaft?“

  1. „Mein Gerechtigkeitsempfinden hat seinen Ausdruck gefunden, ohne den globalen Konzernen in irgendeiner Weise gefährlich zu werden. So soll es sein.“

    „Fairer Handel ist nicht die richtige Antwort auf den globalen Kapitalismus.“

    Oh ich sehe den Vortrag sehr kritisch. Die Zitate soll die positiv normative kritische Haltung des Autors gegenüber dem Autor verdeutlich.
    Fairer Handeln wäre ein freiheitlicher Handel, Fair Trade, ist etwas anderes. Warum sollte ich den Konzernen gefährlich sein wollen? Meiner Meinung nach liegt das Problem nicht an den Konsumenten oder Firmen, sondern an den institutionellen Rahmen. Die Menschen werden ausgebeutet, weil das politische System in dem Land „defekt“ (Korruption) ist und die verschlossen Märkte nur diesen Zugriff ermöglichen.
    Zum einem finde ich es richtig, dass es falsch ist grundsätzliche in der guten ethischen Wirtschaft immer die Nachfrageseite zu verändern wollen, mit der Hoffnung, dass sich dadurch die Angebotsseite ändert. Doch ganz so einfach ist es nicht. Hier kommen viele Fakoten zusammen. Sie beruhen auf Gegenseitigkeit (nicht Einseitigkeit!) und die jeweiligen Konstilationen zu einander (Elastizitäten). Der Beitrag beschreibt das der Arbeitnehmer mit seinem Lohn abhängig wär. Das ist richtig, aber der Arbeitgeber ist genau so abhängig. Um die Beziehung zwischen dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer zu verdeutlichen, müssen wir in einem Kreislaufmodell denken. Und letztendlich würde sich der Unternehmer ins eigene Knie schießen, wenn er die Arbeitnehmer als abhängig und sich als frei sehen würde. „Lohnarbeit ist dort oft ein seltenes Privileg, was unter anderem der Überbevölkerung geschuldet ist. Armut wird zur Geschäftsbedingung und existentielle Not zur Grundlage für Erpressung.“ Das Privileg wird durch Bildung erworben nicht durch Überbevölkerung. Und daher wird die Analphabetisierung zur Grundlage! Und hier setzt doch das Konzept des Fair Trades an, da Bildung viel kostet.

    Der Kapitalismus wäre ohne einen methodologischen Individualismus, der durch Eigennutz als Handlungsmotiv geleitet ist, gar keinen Sinn.

  2. Danke für den Hinweis auf den spannenden Beitrag aus dem Freitag. Und um gleich mit dem Subjekt ins Haus zu fallen (höhö), denke ich dass das ethische Einkaufen ein super Beispiel ist, das ganze ‚Subjektproblem‘, über das so viel diskutiert wurde und wird, zu veranschaulichen. Natürlich ist es kein Abschied vom Subjekt, wenn man das FairTrade Paradigma kritisiert. Subjekte spielen ja eine zentrale Rolle bei all dem. Wir sind ja selber Subjekte (wir handeln, denken etc.). Aber andererseits ist es ja auch so, dass mit der Kritik einer solchen Vorstellung eine ganz bestimmte Art von Subjektidee dann doch verloren geht. Und zwar eine eher liberale, in der man sich Subjekte als rationale Akteure vorstellt, die immer ‚alle Möglichkeiten‘ haben und über ihr handeln völlig autonom verfügen können. Das ist Quatsch, und das weiß auch jeder der nicht den ganzen Tag Bücher über Spieltheorie liest.

    Also ist das Problem doch genau das, worauf es im Artikel hinausläuft: Man muss den Blick auf die Dinge richten, die es Subjekten ermöglichen oder erschweren auf bestimmte Arten zu handeln. Und klar, wenn man strukturalistisch denkt, dann muss man kulturelle, psychologische, politische oder ökonomische Strukturen untersuchen und rausfinden, wie sie unser Leben und Handeln beeinflussen. Insofern ist der Abschied vom Subjekt bloß der Abschied von einem Subjekt, das über alles erhaben ist. Und da würde ich wirklich sagen: Weg mit diesem Subjekt!

    Für das Fairtrade Paradigma heißt das dann doch nur: FairTrade ist zwar okay, aber das dumme ist doch, dass FairTrade überhaupt notwendig ist. Man muss sich ja nurmal vor Augen halten das der Begriff FairTrade impliziert, dass aller sonstiger Trade ‚unfair‘ ist. Und DAS ist eigentlich das Problem. Wirklich genau das;und das ist etwas, dass man mit ethischem Konsumieren nicht ändert, sondern sogar noch verstärkt. Weil man die grundelegenden ökonomischen Strukturen nicht antastet auf die wir als Konsumenten überhaupt kein Einfluss haben, sondern mit dem ethischen Einkaufen noch sagt: Ich mach mich persönlich davon frei und kaufe fair. Damit ist das Problem dann auf das Subjekt verschoben, obwohl es eigentlich ein strukturelles, dem subjektiven Handeln schon vorausgehendes Problem ist.

    Ist das nicht das, was man sich jedesmal denkt, wenn man in den Alnatura geht, oder in den kleinen Bioladen um die Ecke? Das ist ja alles ganz nett hier, aber wie bitte kann ich jetzt die Gesellschaft verändern? Man wird zum Konsumenten und ist damit ein völlig unpolitisches Wesen geworden, das sich nurnoch darum sorgt, dass meine Bananen auch FairTrade sind und für meinen Kaffee keiner leidet. Insofern verharmlosen FairTrade und Bio wirklich die Realität – aber das Problem ist doch: Man muss es trotzdem machen. Irre.

  3. Sowohl als auch…
    Es sind strukturelle Probleme, die angegangen werden müssen. Fair-Trade ändert an den großen Strukutren nichts und vielleicht verschlimmern sie sich noch, wie im vorigen Beitrag angemerkt wurde. Aber gleichzeitig schafft Fair-Trade auch Aufmerksamkeit und die Wahrnehmung des Problems ist relevant für Veränderung.
    Gleichzeitig wird dadurch ein bestimmtes Subjekt konstituiert – ein verantwortliches Subjekt. Eine Tendenz, die in vielen Bereichen der Gesellschaft festzustellen ist (so z. B. auch in der Gesundheitsvorsorge) und da sehe ich ein Problem: Die Veranwortung wird zum Subjekt hin verschoben. Veränderungen müssen also bei den Strukturen vorgenommen werden, aber vielleicht kann trotzdem das Subjekt etwas dazu beitragen.

  4. Clelias Kommentar stimme ich vollkommen zu. Es deckt sich mit einer scharfen Analyse von Zizek, der das ganze Anhand des Wirtschaftssystems der „Ich-AG“-Konzeption deutlich macht. Die Verantwortung die Arbeitsmarktintegration und Lebensvorsorge wird damit komplett dem Subjekt überlassen. Mehr noch: Laut Zizek ist das wirklich „perverse“ (O-Ton!) daran, dass diese Ketten zugleich als Freiheit geframt werden: „Hier hast du nichts, Du bist verantwortlich, mündig und clever. Mach was draus“ ist die Botschaft. Eigentlich ist das die vollkommene Subjektivierung eines größtenteils systemisch hervorgerufenen Problems. In einem so kritischen Bereich wie sozialstaatlichen und gesundheitspolitischen Sicherungen, läuft das auf eine Auflösung der Freiheits-Gleichheits-Verhältnis zugunsten der uns so verkaufen „Freiheit“ hinaus.

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