Das Blog als Kommunikationsapparat

Mitunter geht die technische Entwicklung der Entwicklung der Gesellschaft voraus. Dann gibt es plötzlich Dampfmaschinen und Druckerpressen und Atombomben und die Leute stehen da und denken sich: Huch, was machen wir denn jetzt damit? Dann gibt es Antworten auf Fragen, die sich eigentlich niemand gestellt hat. Wollen wir das überhaupt: Eisenbahn fahren, Zeitung lesen, nukleare Abschreckung? Könnte man die technischen Errungenschaften auch anders nutzen, „rein zivil“ zum Beispiel oder wenigstens umweltfreundlich? Oder haben wir eine solche Entscheidung nicht, weil wir von den ökonomischen Zwängen unserer Erfindungen in unruhigen Zeiten gleichsam mitgerissen werden?

Man könnte sich ja vorstellen, dass eine Erfindung gar nicht so gut ankommt; es nicht schafft, sich ihren Markt zu erobern, weil sie sich als nutzlos herausstellt. Mit dem Rundfunk beispielsweise stand recht plötzlich eine recht beeindruckende Kommunikations-technologie zur Verfügung. Aber was damit machen? „Man hatte plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen.“ (Brecht 2009: 259) Die diffuse Verwendung der neuen Technologie für ein buntes Allerlei zog die Kritik Berthold Brechts auf sich, die bis heute ein wichtiger Ausgangspunkt aktueller Medientheorien bleibt. Seine „Rede über die Funktion des Rundfunks“ von 1932 sucht nach anderen, besseren Einsatzmöglichkeiten (vgl. Brecht 2009). Könnte man die neue Kommunikation nicht auch sinnvoll nutzen, gar emanzipatorisch?

Heute haben wir Blogs, so wie das hier. Brauchen wir die? Was sollen wir mit denen machen? In diesem Kontext läuft seit einigen Wochen ein kleiner Blogkarneval in der deutschsprachigen politikwissen-schaftlichen Blogosphäre. Ausgehend von Ali Arbias Beiträgen in der ZIB 1/2014 und auf zoon politikon, haben sich auch das IR Blog, das Bretterblog, das Blog Junge UN Forschung und das sicherheitspolitik-blog sehr lesenswerte Gedanken über den Nutzen von Blogs gemacht – zugegeben in einem etwas engeren Rahmen als bisher skizziert, nämlich dem des Einsatzes in der Wissenschaft und der Disziplin der Internationalen Beziehungen. Wir sind zwar kein IB-Blog, erlauben uns aber trotzdem uns in die Diskussion einzuklinken, weil wir zwischen ähnlichen Sorgen und Hoffnungen umherdriften.

Der Beitrag der Politischen Theorie zu dieser Debatte mag sowohl in konzeptioneller Arbeit als auch in Kritik bestehen. Im Folgenden verorte ich die Aktivität des Bloggens zunächst in einer kleinen Typologie. Vor diesem Hintergrund bietet sich anschließend die Möglichkeit, die Grenzen in der Partizipation durch Blogs auszuloten. Mir scheint, dass diese bereits im Bloggen selbst angelegt sind. Die Netzwerkstruktur der Blogosphäre weist elitäre Tendenzen auf, weil sie Dominanz nicht untergräbt sondern stärkt und Kommunikationshierarchien konserviert, wo sie bestehen. Deshalb komme ich zu dem pessimistischen Schluss, dass die Wissenschaft zwar bloggen mag, durch das Bloggen allein aber nichts besser werden wird.

Rezeptive und partizipative Kommunikation in Blog und Blogosphäre

Das Hybridmedium Internet ermöglicht neben privater auch zwei Arten von öffentlicher Kommunikation: rezeptive und partizipative (vgl. Emmer et al. 2011: 17). Ihr könnt diesen Beitrag hier lediglich lesen. Das wäre rezeptiv, ist aber insofern langweilig, als dass das auch mit dem Rundfunk schon ging. Ihr könnt aber auch die Kommentarfunktion nutzen oder bei unserer AG Politische Theorie mitmachen und selbst Beiträge schreiben. Das würde man dann partizipativ nennen und das ist in der Tat neu. Das Internet ist also nicht nur Abruf-, sondern auch Diskussionsmedium (Höflich 1997). Statt der one-to-many-Kommunikation des Rundfunks haben wir nun die Chance eines Austauschs many-to-many. Sendende und Empfangende sind in ihren Rollen weniger festgelegt. Brecht fände das vermutlich ziemlich gut.

Die Sache ist aber noch ein wenig komplizierter. Partizipative Kommunikation ist nämlich nicht nur innerhalb eines Blogs, sondern auch in der Gesamtheit des Internets möglich. Jede von uns könnte ihr eigenes Blog eröffnen und so Kommunikatorin werden. Bei einem Wechsel der Analyseeinheit von Blog zu Blogosphäre, ist nicht länger das Individuum der Sender, sondern die technische Plattform Blog. Das angesprochene Publikum verschiebt sich von den Leserinnen des Blogs zu den Leserinnen aller Blogs. Auf beiden Ebenen gilt demnach die Differenzierung in rezeptive und partizipative Kommunikation. Ein Beispiel: Stellen wir uns vor, wir legen ein Tagebuch in die Öffentlichkeit (wie in der Abbildung oben dargestellt). Wir können nun mit vier potentiellen Reaktionen zufällig vorbeikommender Passanten rechnen: 1) Jemand liest es. (rezeptiv im Blog). 2) Jemand schreibt etwas hinein. (partizipativ im Blog). 3) Jemand legt das eigene Tagebuch hinzu. (partizipativ in der Blogosphäre). 4) Jemand wählt aus dem sich angesammelten Haufen an Tagebüchern eines zum Lesen aus. (rezeptiv in der Blogosphäre).

Die Verwendungsweisen von Blogs, die Ali Arbia (2014) vorgeschlagen hat, korrespondieren auf den ersten Blick mit dieser Typologie. Der Austausch zwischen Forscherinnen und Forschern (Funktion II) würde tendenziell im Blog stattfinden und hofft in diesem Medium auf erhöhte partizipative Kommunikation; die Außenwirkung (Typ III) hingegen hofft auf eine erhöhte partizipative Kommunikation der Wissenschaft in der Öffentlichkeit. Beide Hoffnungen sind nicht unberechtigt, doch sind in beiden Bereichen bereits Hindernisse und Gefahren bekannt, die ich an dieser Stelle stärken möchte. Hintergrund solcher Arbeiten ist häufig die demokratietheoretische Hoffnung, die dem Internet im Anschluss an Brecht die Rolle eines idealen, machtfreien Diskursraumes zubilligt: jede kann sich äußern; alle sind dabei. Blogs verstünden es „also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen.“ (Brecht 2009: 260)

Wider die Hoffnung auf ein Agenda Setting in der Blogosphäre

Wer ein Blog ins Internet stellt – egal, ob Wissenschaftlerin oder Tagebuchschreiber –, konkurriert mit anderen um die Aufmerksamkeit des Publikums. Nur ein Bruchteil der Informationen im Netz kann von anderen wahrgenommen werden und so bildet sich auch in der Blogosphäre eine Elite, der die Möglichkeit der Themensetzung weitgehend alleine vorbehalten bleibt (vgl. Hindman 2009: 102ff.). Dieses Problem wird häufig durch die sogenannte Power-Law-Verteilung beschrieben, in der das Element mit dem Rang N den Wert 1/N besitzt (vgl. Shirkey 2006: 38). Wenn also das beliebteste Blog 1000 Besucher anzieht, kommen auf das zweitbeliebteste nur noch 500, auf die Plätze 3, 4 und 5 nur noch 333, 250 und 200 Leserinnen. Dadurch bildet sich neben einer Gruppe mächtiger Blogs auch ein sogenannter Longtail an unwichtigen Seiten, der sich der x-Achse annähert.

Jeder Blogosphäre ist somit eine Ungleichheit immanent, die sich verstärkt, umso weiter sie sich ausdehnt. Wenn neue Blogs auf bestehende Eliteblogs verweisen, werden diese immer mächtiger, während die Neuankömmlinge in der Masse untergehen (vgl. Farrell / Drezner 2008: 19). „[D]iversity plus freedom of choice creates inequality, and the greater the diversity, the more extreme the inequality.” (Shirkey 2006: 35) Aus dieser Entwicklung resultiert eine Zwei-Klassen-Blogosphäre, in der Chancen auf Agenda Setting sehr ungleich verteilt sind. Nur wer zur Kommunikationselite gehört, hat eine Chance von anderen Nutzerinnen, Journalisten, Politikerinnen oder eben Wissenschaftlern wahrgenommen zu werden.

Wider die Hoffnung auf eine Deliberation im Blog

Offensichtlich bestehen innerhalb eines Blogs verschiedene Optionen zu partizipativer Kommunikation unter denen die Kommentarfunktion nur die offensichtlichste ist; David Karpf hat in einer Bestandsaufnahme noch viele weitere benannt: Nutzeraccounts, offene Diskussionsforen, Nutzertagebücher, … (Karpf 2008: 376). Die entscheidende Frage ist allerdings, ob diese Instrumente auch zum Einsatz kommen oder ob trotz allem die Kommunikation rein rezeptiv bleibt. Hierzu gibt es spannende Untersuchungen in der US-amerikanischen Blogosphäre, die sich recht klar in einen liberal-progressiven und einen konservativen Diskursraum unterteilen lässt. Sowohl die Anzahl der Autorinnen, als auch der Grad an Einbindung der Leserschaft fallen in liberalen Blogs deutlich höher aus, als in ihren autoritärer kommunizierenden Gegenstücken (vgl. Karpf 2008: 376ff.). Offenbar besteht in der „linken“ Blogosphäre ein höheres Partizipationspotential. Besonders klar formulieren das Aaron Shaw und Yochai Benkler (2012: 478):

“The practices of the left blogosphere are more consistent with an interpretation of a participatory public sphere and a steady expansion of prosumption practices. The practices of the right blogosphere are, however, more consistent with the claims that the networked public sphere is no less elitist than the mass-mediated public sphere.”

Technik macht noch keine bessere Wissenschaft

Der partizipativen Online-Kommunikation durch Blogs sind also offenbar bereits immanente Grenzen vorgezeichnet. In der Blogosphäre äußern sie sich darin, dass ein neues, völlig unvernetztes Blog nicht gelesen wird, fortschreitende Vernetzung aber immer jene stärkt, die schon stark sind. Innerhalb eines Blogs wird deutlich, dass offline etablierte Kommunikationskultur auch im Internet fortwirkt, eine Gleichheit in der Partizipation also nicht aus der Technik, sondern aus dem Denken der Kommunizierenden hervorgeht. Weil die Öffentlichkeit sich im Netz nicht nur erweitert, sondern in ihren Kommunikationssphären auch zugleich wieder verengt, ist hier zumindest nicht das erträumte emanzipatorische Potential zu erkennen. Lag Brecht also falsch mit seiner Utopie?

In einer Diskussion auf diesem Blog ist kürzlich ein Text von Bernhard Peters besprochen worden. Dort heißt es an einer Stelle „ought implies can“ (Peters 2000: 281). Wenn wir uns eine andere Wissenschaft wünschen, eine die sich mehr austauscht, in der jede mitreden kann, die über Hierarchien hinwegsieht und statt fertigen Analysen auch Entwürfe würdigt, dann wird diese Vision durch moderne Kommunikationstechnologie vielleicht möglich. Das Problem ist nur: „can does not imply ought“. Ich befürchte, es besteht die Gefahr, dass wir Blogs zwar nutzen, dieser Fortschritt aber wie im Falle des Rundfunks folgenlos bleibt (vgl. Brecht 2009: 261). Die neuen Welten des Internets mögen aufregend und fancy sein und sie mögen sozialen Wandel erlauben, wo er bisher nicht möglich war, aber weder der wissenschaftliche Austausch noch der Austausch der Wissenschaft mit der Außenwelt werden dadurch automatisch in eine bessere Zukunft blicken können. Die Frage, wie wir forschen und zusammenarbeiten wollen, kann uns keine Kommunikationstechnologie abnehmen. „[F]ür Neuerungen, gegen Erneuerung!“ (Brecht 2009: 263) Der Wissenschaftsbetrieb wird sich seine Revolution schon selber machen müssen.

Arbia, Ali, 2014: Die Republik der Gelehrten 2.0, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen, 21 (1), 109-127.

Brecht, Bertold, 2009: Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. Rede über die Funktion des Rundfunks (1932), in: Pias, Claus / Vogel, Joseph / Engell, Lorenz / Fahle, Oliver / Neitzel, Britta (Hrsg.): Kursbuch Medienkultur. Stuttgart, 259-263.

Emmer, Martin / Vowe, Gerhard / Wolling, Jens / Seifert, Markus / Füting, Angelika, 2011: Bürger online. Die Entwicklung der politischen Online-Kommunikation in Deutschland. Konstanz.

Farrell, Henry / Drezner, Daniel W., 2008: The Power and Politics of Blogs, in: Public Choice 134 (1-2), 15–30.

Hindman, Matthew, 2009: The Myth of Digital Democracy. Princeton.

Höflich, Joachim R., 1997: Zwischen massenmedialer und technisch vermittelter interpersonaler Kommunikation. Der Computer als Hybridmedium und was die Menschen damit machen, in: Beck, Klaus / Vowe, Gerhard (Hrsg.): Computernetze. Ein Medium öffentlicher Kommunikation? Berlin, 84-104.

Karpf, David, 2008: Understanding Blogspace, in: Journal of Information Technology & Politics 5 (4), 369–385.

Peters, Bernhard, 2000: Normative Theorien und soziale Empirie, in: Müller-Doohm, Stefan (Hrsg.): Das Interesse der Vernunft. Rückblicke auf das Werk von Jürgen Habermas seit ‚Erkenntnis und Interesse‘. Frankfurt am Main, 274-298.

Shaw, Aaron / Benkler, Yochai, 2012: A Tale of Two Blogospheres: Discursive Practices on the Left and Right, in: American Behavioral Scientist 56 (4), 459–487.

Shirkey, Clay, 2006: Power Laws, Weblogs, and Inequality, in: Dean, Jodi / Anderson, Jon W. / Lovink, Geert (Hrsg.): Reformatting Politics: Information Technology and Global Civil Society. New York, 35-42.

Ein Gedanke zu „Das Blog als Kommunikationsapparat“

  1. Danke für die Diskussion und die Lektüre-Anregungen!

    Wenn ich mich recht erinnere, wurde der „long tail“ zunächst positiv gesehen (Chris Anderson). Dass unsere kleinen Blogs nur ein Zehntausendstel der Aufmerksamkeit eines Paul Krugman bekommen, stört mich nicht, solange die Nischen in sich anregend genug sind. Mein kleiner Beitrag zur Revolution lautet daher: Untereinander verlinken und „Karneval feiern“, statt immer nur die Stars kommentieren!

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