Zur Unterbrechung des regulatorischen Prozesses von Gender-Normen: Judith Butlers dynamisiertes Normverständnis (Lesekreis 2018 – Runde II)

Ich möchte diese Ausführung zu Butlers Text zu Gender-Regulierungen mit einem Aspekt beginnen, den sie zum Schluss des Textes anführt und in verschiedenen Essays des Buches Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen anspricht. Es handelt sich um verschiedene Formen sozialer Strafen bei Verstößen gegen die Geschlechternormen. Dazu gehören die operative Herrichtung von Intersex-Individuen, die medizinische und psychiatrische Pathologisierung und Kriminalisierung von Menschen mit einer ‚Gender-Dysphorie‘, die Schikanierung von genderuntypischen Personen im Alltag, die Diskriminierung bei Stellensuche und Gewalt (Butler 2017: 95).[1] Diesen Phänomenen, die enorme negative Wirkungen auf die Betroffenen haben, liegen spezifische Geschlechternormen zugrunde. Butler fragt nicht zuletzt deshalb nach der Art und Weise, wie eine solche Regulierung von Gender zustande kommt, wie sie funktioniert, sowie daran anschließend nach Möglichkeiten der Abweichung von der Norm, die den regulatorischen Prozess selbst unterbricht (Butler 2017: 91).

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Abbau und Umwidmung von Theoriestellen

Der theorieblog hat gerade einen Aufruf veröffentlicht, der ziemlich wichtig ist. Bei dem Aufruf geht es um den Abbau und die Umwidmung von Professuren und Mitarbeiter*innenstellen in der politischen Theorie. Dazu sollen zunächst Eindrücke und Erfahrungen zu dieser Beobachtung gesammelt werden. Den Aufruf möchten wir gerne unterstzützen und veröffentlichen ihn deswegen hier im Originaltext.

Immer wieder scheinen Stellen in der Politischen Theorie und Philosophie verloren zu gehen. Neuausschreibungen werden so formuliert, dass zusätzlich geforderte Extraqualifikationen den Charakter der Stelle verändern, etwa wenn ein Fokus auf empirische Politikwissenschaft (wie jetzt bei der Saar-Nachfolge in Leipzig) gesetzt wird oder ein ideengeschichtlicher Schwerpunkt in der Ausschreibung nicht mehr erwähnt wird (wie bei der Münkler-Nachfolge in Berlin). Damit wächst einerseits die Furcht vor fachfremden Berufungen, durch die andererseits das Profil der Disziplin verwässert wird, sodass womöglich bald kurzfristig Gefälliges als Politische Theorie firmiert und umso leichter eingespart zu werden droht.

Diesem weit verbreiteten und nicht unbestritten gebliebenen Eindruck möchten wir in der kommenden Zeit systematischer nachgehen und versuchen, den Abbau und die Umwidmung von Theoriestellen (Professuren und WiMi) zu sammeln und zu dokumentieren. Da wir keinen genauen Einblick in alle Institute in Deutschland haben, bitten wir um eure Mitarbeit: Wo stehen Theoriestellen aktuell auf dem Spiel? Wo sind in den letzten Jahren Stellungen umgewidmet worden oder ganz aus der Theorie abgewandert? Wie verändert sich auch grundsätzlich der Anteil von Theorie in Forschung und Lehre? Welche Gründe gibt es dafür? Welche Folgen hat das? Gibt/gab es Widerstand? Und auch: Welche positiven Entwicklungen seht ihr?

Wir erhoffen uns von diesem Crowdsourcing einen genaueren Überblick über die Entwicklung der Politischen Theorie und Philosophie im deutschsprachigen Raum. Bitte benutzt für eure Antworten in erster Linie den Comment-Bereich unter diesem Post. Ihr habt dabei auch die Möglichkeit, die Posts zu anonymisieren. Alternativ könnt ihr eure Erfahrungen und Informationen auch an team@theorieblog.de schicken. Wir sammeln diese und planen bei hinreichender Beteiligung einen eigenen Post zum Thema auf Grundlage der Kommentare und Einsendungen in den nächsten Monaten.

Prekäre Wissenschaft: Täglich grüßt das Murmeltier? Folge 1

Als AG Politische Theorie ist es uns ein Anliegen verschiedene Nachwuchswissenschaftler_innen zu vernetzten und miteinander ins Gespräch zu bringen — sei es über Tagungen, Workshops oder auf digitalem Weg. Wir freuen uns spannende Artikel, Calls oder Veranstaltungen mit Interessierten via Twitter, Facebook oder unserem Blog zu teilen oder über eigene Beiträge in Diskussion zu treten. 

Nicht selten stoßen wir hierbei auch auf Stellenausschreibungen, die wir nicht guten Gewissens weiterverbreiten können. Als Nachwuchswissenschaftler_innen sind wir uns der prekären Situation unter denen gegenwärtig Qualifikationsarbeiten verfasst werden, bewusst. Überbelastung durch zusätzliche Aufgaben in Administration oder Lehre, bis auf ein Jahr befristete Arbeitsverträge und Einschnitte in die private Lebensgestaltung sind nur einige der gegenwärtigen Probleme, mit denen Nachwuchswissenschaftler_innen der Geistes- und Sozialwissenschaften zu kämpfen haben. 

Indem wir uns der unkommentierten Weiterverbreitung solcher Stellen widersetzen, hoffen wir der Normalisierung prekärer Arbeitsverhältnisse zumindest symbolisch entgegen zu wirken sowie ein stärkeres Bewusstsein für solche Stellen zu schaffen. Stattdessen wollen wir mit unserer neuen Blogreihe „Prekäre Wissenschaft: Täglich grüßt das Murmeltier?“ auf die Problematiken solcher Stellenausschreibungen aufmerksam machen und diese vermeintlichen Ausnahmen von der Regel dokumentieren.

In diesem Sinne hier die erste Folge unserer neuen Reihe: 50% Mitarbeiter_innenstelle an der Universität Göttingen, Qualifikationsstelle, 19,5 Stunden, 5 SWS Lehre, Befristung 1,5 Jahre

Diskussionsoffen

Eure AG Politische Theorie 

Exzellenzkritik – Petition gegen die Exzellenzinitiative

Eine Reihe von Wissenschaftler*innen hat heute eine Stellungnahme und Petition gegen die Exzellenzinitiative veröffentlicht.

In der Erklärung heißt es:

Wir halten in dieser Situation die Beteiligung am Exzellenzwettbewerb für falsch. Faktisch können sich ihm viele von uns kaum entziehen, weil wir von Hochschulleitungen und Landesregierungen abhängig sind, die erhebliche Hoffnungen und Mittel in Exzellenz-Bewerbungen investieren. Wer sinnvolle Projekte entwickeln und Mitarbeitende fördern will, ist oft darauf angewiesen, dies im Rahmen solcher Strategien zu versuchen. Durch unsere Erklärung wollen wir aber sichtbar machen, dass die Exzellenzinitiative von vielen Forschenden, Lehrenden und Studierenden in Deutschland klar und deutlich abgelehnt wird.
Den ganzen Text findet ihr auf Soziopolis und der frisch eingerichtet Homepage der Exzellenzkritik.
Die Petition könnt ihr hier unterzeichnen (OpenPetition).

Offener Lesekreis 2016: Althusser, Lacan, Blumenberg, Bargetz/Sauer

Die AG Politische Theorie startet demnächst in eine neue Runde des Lesekreises. Dafür wurde dieses Mal ein offenes Format mit vier Sitzungen gewählt:

 

16.04.2016

Louis Althusser: Ideologie und ideologische Staatsapparate

 
30.04.2016
Jaques Lacan: The Instance of the Letter in the Unconscious

 

14.05.2016
Hans Blumenberg: Präfiguration

 

28.05.2016
Bargetz/Sauer: Politik, Emotionen und die Transformation des Politischen. Eine feministisch-machtkritische Perspektive

 

Wie üblich wird es einen Input mit folgender Diskussion auf dem Blog geben. Erstmalig wird dieses bewährte Format mit einer Telefonkonferenz in der jeweils folgenden Woche ergänzt. Auch auf dem nächsten AG-Workshop in Bremen am 13./14. Mai wird es die Möglichkeit geben, die Texte zu diskutieren.

Interessierte Mitleser*innen können sich gerne bei der AG melden, um Zugang zu den Texten und der Telefonkonferenz zu erhalten.

    

 

Judith Butler: “Freedom of Assembly, or Who are the People?‘ (Lecture)

Die US-amerikanische Philosophin Judith Butler wird heute 60 Jahre alt. Berühmt, auch über die akademischen Fachkreise hinaus, wurde Sie mit Ihren Arbeiten zu Feminismus, Gender und Queer. Ihr Werk ‚Gender Trouble‚ – zu deutsch ‚Das Unbehagen der Geschlechter‚ – hat Anfang der 1990er eine umfangreiche Debatte über feministische und Gender-Theorien ausgelöst. Neben vielen Auszeichnungen hat Butler 2012 auch den Theodor-W.-Adorno-Preis erhalten, was zu einer Kontroverse um Butlers Position zu Israel führte. In ihrem jüngst erschienenen Buch ‚Notes toward a performative theory of assembly‚ setzt sich Butler intensiv mit Performativität im politischen Denken, neueren Vorstellungen von Versammlungen/assemblies und Prekarität auseinander. Zudem ist auch ihre Dankesrede zum Erhalt des Adorno-Preises abgedruckt. Auf Deutsch soll das Werk im Herbst 2016 erscheinen (bei Suhrkamp wie so viele Bücher von ihr).

Ebenfalls enthalten, ist ihr Vortrag vom September 2013 über Freedom of Assembly, or Who are the People?‚ welchen sie in Istanbul gehalten hat und den ihr beim Klicken auf das Video ansehen und anhören könnt.

Solidarität mit türkischen Wissenschaftler_innen

Als Arbeitsgruppe Politische Theorie der DNGPS solidarisieren wir uns mit den türkischen Wissenschaftler_Innen, deren freie Meinungsäußerung mit Repressionen bestraft wurde. 1128 Akademiker_Innen setzten sich Mitte Januar mit einem offenen Brief an die türkische Regierung für ein Ende der Gewalt im Südosten ihres Landes ein. Ihr Einsatz für eine Wiederaufnahme der Friedensgespräche zwischen PKK und türkischer Regierung führte zu Entlassungen, zu persönlichen Drohungen, bis hin zur Furcht um das eigene Leben.

Als Arbeitsgruppe Politische Theorie verurteilen wir die Sanktionen der türkischen Regierung. Um zu informieren, die Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken und so die betroffenen Wissenschaftler_Innen zu unterstützen, haben wir zentrale Hinweise aus dem Netz gesammelt:

Was ist geschehen?

Soziopolis: http://www.soziopolis.de/verstehen/was-tut-die-wissenschaft/artikel/erdogan-gegen-die-freiheit-der-wissenschaft/

Deutschlandfunk: http://www.deutschlandfunk.de/kurden-konflikt-erdogan-wettert-gegen-tuerkische-akademiker.795.de.html?dram:article_id=342757

Statements

Professional Association on „International Studies“ http://eisa-net.org/be-bruga/eisa/files/public-statement-turkey.pdf

Assoziation kritische Gesellschaftsforschung (AkG): http://akg-online.org/aktuelles/offener-brief-die-deutsche-regierung-und-bundesaussenminister-steinmeier

Kritnet http://kritnet.org/2016/fuer-das-recht-im-krieg-den-frieden-zu-fordern/?from=aufrufe

Petitionen

Medico https://www.medico.de/internationaler-appell-16370/

Academicians for Peace http://www.europe-solidaire.org/spip.php?article36944