Die Konjunktur der Solidarität

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„Je suis Charlie“, Demonstrationen gegen antisemitische Angriffe auf JüdInnen, Anti-Austeritätsproteste in Europa, der Umgang mit Geflüchteten in der europäischen Migrationskrisen, die Rede von Andrea Nahles auf dem SPD-Sonderparteitag oder Aufrufe zu 1. Mai-Demonstrationen teilen eine Idee: Die öffentliche Anrufung von Solidarität.[i] Solidarität wird gefordert, erklärt oder erwartet. Dies geschieht meist nach bzw. in einer „Krise“.[ii] Bis auf Marktradikale wie Ayn Rand oder Margret Thatcher, die jegliche soziale Beziehung, die über die familiäre Solidarität hinausginge, als unnötig und freiheitseinschränkend ansehen[iii], gibt es wohl kaum Parteien und Organisationen, die explizit Solidarität ablehnen würden. Womit haben wir es also hier zu tun?

Vom Römischen Recht zur Französischen Revolution

Semantisch hat Solidarität wohl ihre Ursprünge im Römischen Recht: Darin findet sich die Formulierung ‚obligatio in solidum‘, in der der einzelne für die Gruppe haftet und vice versa; das juristische Vorbild zum Musketier-Slogan ‚Einer für alle und alle für einen‘. Zudem gibt es starke christliche Bezüge, indem die katholische Glaubensgemeinschaft eine Bruderschaft vor Gott schafft, in der alle gleich sind Die Konjunktur der Solidarität weiterlesen

Zur Unterbrechung des regulatorischen Prozesses von Gender-Normen: Judith Butlers dynamisiertes Normverständnis (Lesekreis 2018 – Runde II)

Ich möchte diese Ausführung zu Butlers Text zu Gender-Regulierungen mit einem Aspekt beginnen, den sie zum Schluss des Textes anführt und in verschiedenen Essays des Buches Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen anspricht. Es handelt sich um verschiedene Formen sozialer Strafen bei Verstößen gegen die Geschlechternormen. Dazu gehören die operative Herrichtung von Intersex-Individuen, die medizinische und psychiatrische Pathologisierung und Kriminalisierung von Menschen mit einer ‚Gender-Dysphorie‘, die Schikanierung von genderuntypischen Personen im Alltag, die Diskriminierung bei Stellensuche und Gewalt (Butler 2017: 95).[1] Diesen Phänomenen, die enorme negative Wirkungen auf die Betroffenen haben, liegen spezifische Geschlechternormen zugrunde. Butler fragt nicht zuletzt deshalb nach der Art und Weise, wie eine solche Regulierung von Gender zustande kommt, wie sie funktioniert, sowie daran anschließend nach Möglichkeiten der Abweichung von der Norm, die den regulatorischen Prozess selbst unterbricht (Butler 2017: 91).

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Abbau und Umwidmung von Theoriestellen

Der theorieblog hat gerade einen Aufruf veröffentlicht, der ziemlich wichtig ist. Bei dem Aufruf geht es um den Abbau und die Umwidmung von Professuren und Mitarbeiter*innenstellen in der politischen Theorie. Dazu sollen zunächst Eindrücke und Erfahrungen zu dieser Beobachtung gesammelt werden. Den Aufruf möchten wir gerne unterstzützen und veröffentlichen ihn deswegen hier im Originaltext.

Immer wieder scheinen Stellen in der Politischen Theorie und Philosophie verloren zu gehen. Neuausschreibungen werden so formuliert, dass zusätzlich geforderte Extraqualifikationen den Charakter der Stelle verändern, etwa wenn ein Fokus auf empirische Politikwissenschaft (wie jetzt bei der Saar-Nachfolge in Leipzig) gesetzt wird oder ein ideengeschichtlicher Schwerpunkt in der Ausschreibung nicht mehr erwähnt wird (wie bei der Münkler-Nachfolge in Berlin). Damit wächst einerseits die Furcht vor fachfremden Berufungen, durch die andererseits das Profil der Disziplin verwässert wird, sodass womöglich bald kurzfristig Gefälliges als Politische Theorie firmiert und umso leichter eingespart zu werden droht.

Diesem weit verbreiteten und nicht unbestritten gebliebenen Eindruck möchten wir in der kommenden Zeit systematischer nachgehen und versuchen, den Abbau und die Umwidmung von Theoriestellen (Professuren und WiMi) zu sammeln und zu dokumentieren. Da wir keinen genauen Einblick in alle Institute in Deutschland haben, bitten wir um eure Mitarbeit: Wo stehen Theoriestellen aktuell auf dem Spiel? Wo sind in den letzten Jahren Stellungen umgewidmet worden oder ganz aus der Theorie abgewandert? Wie verändert sich auch grundsätzlich der Anteil von Theorie in Forschung und Lehre? Welche Gründe gibt es dafür? Welche Folgen hat das? Gibt/gab es Widerstand? Und auch: Welche positiven Entwicklungen seht ihr?

Wir erhoffen uns von diesem Crowdsourcing einen genaueren Überblick über die Entwicklung der Politischen Theorie und Philosophie im deutschsprachigen Raum. Bitte benutzt für eure Antworten in erster Linie den Comment-Bereich unter diesem Post. Ihr habt dabei auch die Möglichkeit, die Posts zu anonymisieren. Alternativ könnt ihr eure Erfahrungen und Informationen auch an team@theorieblog.de schicken. Wir sammeln diese und planen bei hinreichender Beteiligung einen eigenen Post zum Thema auf Grundlage der Kommentare und Einsendungen in den nächsten Monaten.

Prekäre Wissenschaft: Täglich grüßt das Murmeltier? Folge 1

Als AG Politische Theorie ist es uns ein Anliegen verschiedene Nachwuchswissenschaftler_innen zu vernetzten und miteinander ins Gespräch zu bringen — sei es über Tagungen, Workshops oder auf digitalem Weg. Wir freuen uns spannende Artikel, Calls oder Veranstaltungen mit Interessierten via Twitter, Facebook oder unserem Blog zu teilen oder über eigene Beiträge in Diskussion zu treten. 

Nicht selten stoßen wir hierbei auch auf Stellenausschreibungen, die wir nicht guten Gewissens weiterverbreiten können. Als Nachwuchswissenschaftler_innen sind wir uns der prekären Situation unter denen gegenwärtig Qualifikationsarbeiten verfasst werden, bewusst. Überbelastung durch zusätzliche Aufgaben in Administration oder Lehre, bis auf ein Jahr befristete Arbeitsverträge und Einschnitte in die private Lebensgestaltung sind nur einige der gegenwärtigen Probleme, mit denen Nachwuchswissenschaftler_innen der Geistes- und Sozialwissenschaften zu kämpfen haben. 

Indem wir uns der unkommentierten Weiterverbreitung solcher Stellen widersetzen, hoffen wir der Normalisierung prekärer Arbeitsverhältnisse zumindest symbolisch entgegen zu wirken sowie ein stärkeres Bewusstsein für solche Stellen zu schaffen. Stattdessen wollen wir mit unserer neuen Blogreihe „Prekäre Wissenschaft: Täglich grüßt das Murmeltier?“ auf die Problematiken solcher Stellenausschreibungen aufmerksam machen und diese vermeintlichen Ausnahmen von der Regel dokumentieren.

In diesem Sinne hier die erste Folge unserer neuen Reihe: 50% Mitarbeiter_innenstelle an der Universität Göttingen, Qualifikationsstelle, 19,5 Stunden, 5 SWS Lehre, Befristung 1,5 Jahre

Diskussionsoffen

Eure AG Politische Theorie 

Exzellenzkritik – Petition gegen die Exzellenzinitiative

Eine Reihe von Wissenschaftler*innen hat heute eine Stellungnahme und Petition gegen die Exzellenzinitiative veröffentlicht.

In der Erklärung heißt es:

Wir halten in dieser Situation die Beteiligung am Exzellenzwettbewerb für falsch. Faktisch können sich ihm viele von uns kaum entziehen, weil wir von Hochschulleitungen und Landesregierungen abhängig sind, die erhebliche Hoffnungen und Mittel in Exzellenz-Bewerbungen investieren. Wer sinnvolle Projekte entwickeln und Mitarbeitende fördern will, ist oft darauf angewiesen, dies im Rahmen solcher Strategien zu versuchen. Durch unsere Erklärung wollen wir aber sichtbar machen, dass die Exzellenzinitiative von vielen Forschenden, Lehrenden und Studierenden in Deutschland klar und deutlich abgelehnt wird.
Den ganzen Text findet ihr auf Soziopolis und der frisch eingerichtet Homepage der Exzellenzkritik.
Die Petition könnt ihr hier unterzeichnen (OpenPetition).