Call for Papers: Gefährdete Konstellationen

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Die sechste Fachtagung der Deutschen Nachwuchsgesellschaft für Politik- und Sozialwissenschaft e.V. wird vom 22. bis 24. März 2017 an der Humboldt-Universität zu Berlin stattfinden. Wir freuen uns auf eure Einsendungen!

Unsere Gegenwart ist gefährdet, unsicher und prekär: Von flexiblen Arbeitsverhältnissen zum befristeten Aufenthaltsstatus; von bedrohten Lebensformen zu flüchtigen Kollektiven, die die Straßen und Plätze besetzen; von der Beschleunigung der Gesellschaft zur Instabilität globaler Ordnung. Selten schien eine Diagnose einleuchtender. Die Verhältnisse erscheinen wackelig und flüssig, Ordnungen und Identitäten lösen sich auf, noch bevor sie sich verstetigen können. Das Flüchtige zeigt sich dabei immer weniger als Ausnahme, vielmehr scheinen alle politischen und sozialen Konstellationen permanent gefährdet. Beobachten wir also den Niedergang von Ordnung im Allgemeinen? Oder etablieren sich Gefährdung, Unsicherheit und Prekarität selbst als neue Formen der Ordnung? Und was heißt das eigentlich, prekär? Was bedeutet unsicher? Wie können wir diese gefährdeten Konstellationen denken? Wie können wir sie analysieren, beschreiben und erklären?

Auf der Fachtagung sollen unterschiedliche Perspektiven auf Gefährdung, Prekarität und Unsicherheit zusammengedacht werden. Zu den möglichen Themenkomplexen gehören:

  • Ausnahmezustand und Unsicherheit. Lokale, nationale und globale Politik nimmt zunehmend die Form des Ausnahmezustands an. Sie greift dafür auf Mittel zurück, die eigentlich außerhalb ihrer selbst liegen. Die Ordnung funktioniert gewissermaßen durch ihr eigenes Aussetzen. Der Ausnahmezustand verweist dabei auf die Sicherheit, die gefährdet ist, und die Unsicherheit, die minimiert werden soll. Wie können wir Herrschaft als permanenten Ausnahmezustand denken? Wie legitimiert sich dieser Zustand? Welche Rolle spielen die Ideen von Sicherheit und Unsicherheit? Und können wir den Ausnahmezustand tatsächlich beobachten?
  • Mobilität und Kontrolle. Die globalen Migrationsbewegungen zeigen die Instabilität globaler, europäischer und nationalstaatlicher Grenzregime auf. Die Mobilität ist dabei selbst eine höchst prekäre Praxis. Während die Migration die nationalstaatliche Ordnung mit ihren Autonomiebestrebungen und ihrer Eigensinnigkeit in Frage stellt, fordern Parteien und völkische Bewegungen die Kontrolle dieser Mobilität. Wie lassen sich die prekären Phänomene der Migrationsbewegungen und ihre Kontrolle denken und beschreiben? In welchem Verhältnis stehen sie zueinander? Welche Formen von Mobilität und Kontrollmechanismen können wir analysieren und erklären?
  • Prekäre Arbeit und Ungleichheit. Befristete Beschäftigungsverhältnisse, unsichere Arbeitsbedingungen, ungleiche Bezahlung und die Herausbildung des so genannten Prekariats: In Frankreich wird gar von einer ‚génération précaire‘ gesprochen. Als komplexe Phänomene wirken sich Prekarität und Ungleichheit zum Beispiel ökonomisch, politisch, gesellschaftlich oder geschlechtlich aus. Ist das Prekariat eine neue soziale Gruppe oder lassen sich historische Vorläufer finden? Welche gegenwärtigen Konstellationen des Prekären lassen sich identifizieren? Welche Auswirkungen hat die Prekarisierung? Welche Subjektivierungsformen gehen mit der Prekarisierung einher? Wie sieht unsere Arbeit und der Sozialstaat der Zukunft aus?
  • Unsichere Identitäten und Protest. Prekarität heißt auch, dass alle Identitäten und Lebensformen tendenziell gefährdet sind. Vielleicht ist sogar das Leben an sich gefährdet. In der Welle der globalen Protestbewegungen stellt sich deshalb die Frage, wer dieses ‚wir‘ eigentlich ist, das auf den Straßen und Plätzen steht. Was heißt es für Protest und Widerstandsformen, wenn sich soziale und geschlechtliche Identitäten als fundamentlos erweisen? Was heißt politische Identität vor dem Hintergrund radikaler Unsicherheit? Welche Lebensformen können vor dem Hintergrund der Prekarität bestehen und sich entwickeln? Wie können wir prekäres kollektives Handeln denken?

Die Fachtagung der DNGPS möchte theoretische Ansätze mit empirischer Forschung ins Gespräch bringen, um zu neuen Perspektiven und Einsichten zu gelangen. Willkommen sind Beiträge von Bachelor- und Masterstudierenden sowie Promovierenden (in der Anfangsphase) aus den unterschiedlichen Fachdisziplinen der Sozialwissenschaften. Darüber hinaus ist ein Ausstellungsraum für Beiträge geplant, die das Thema künstlerisch bearbeiten.

Schickt eure Abstracts von nicht mehr als 300 Wörtern mit einer kurzen Selbstbeschreibung auf Deutsch oder Englisch bitte bis zum 30.11.2016 an fachtagung@dngps.de. Die allgemeine Konferenzsprache ist Deutsch, Vorträge können aber ebenfalls auf Englisch gehalten werden. Zudem erhalten alle Teilnehmenden die Möglichkeit ihre Beiträge nach der Konferenz in der DNGPS Working Paper Reihe zu veröffentlichen.

Das PDF des Call for Papers ist unter folgender Adresse abrufbar: http://www.dngps.de/wp-content/uploads/2016/07/DNGPS_CfP_Gefaehrdete_Konstellationen.pdf

Hat die Politische Theorie ein Demokratietheorieproblem?

(Bild: Filippo Minelli)

Von Stefan Wallaschek und Janosik Herder

Demokratietheorie ist das Thema der Politischen Theorie in Deutschland. Jedenfalls kann man zu dem Schluss kommen, wenn man sich die Tagungen der Sektion Politische Theorie und Ideengeschichte der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) seit 2010 anschaut. Vier der Tagungen waren, wie auch die kommende Tagung in Trier im März 2017i, schon im Titel explizit der Demokratie gewidmet. Auch der größere DVPW-Kongress „Die Versprechen der Demokratie!“ 2012 stand ganz im Zeichen der Demokratietheorie und die Politische Theorie war prominent mit Vorträgen und Panels vertreten.ii Aber auch wenn man auf die Wortwolke unseres AG-Blogs schaut, scheint Demokratietheorie eines der wichtigsten Themen der Politischen Theorie zu sein.iii Aber muss das sein? Oder anders gefragt: Ist das ein Problem? Hat die Politische Theorie ein Demokratietheorieproblem? weiterlesen

Brigitte Bargetz & Birgit Sauer: Politik, Emotionen und die Transformation des Politischen. Eine feministisch-machtkritische Perspektive

Eine Vorbemerkung: Nicht selten werden Begriffe wie „Affekte“, „Emotionen“ oder „Leidenschaften“ unreflektiert miteinander vermengt. Ich übernehme daher die Verwendungsweisen der Autor_innen. Brigitte Bargetz und Birgit Sauer sprechen synonym von Emotionen und Gefühlen und verstehen darunter „komplexe Prozesse der Wahrnehmung und des Handelns, die kulturell konstituiert und interpretiert und mithin kontextbezogen verstehbar sind. Mouffe verwendet in diesem Sinne den Begriff „Leidenschaften“ (passion), Grossberg hingegen „Affekt““ (Bargetz/Sauer 2010: 154).

Emotionen, Gefühle, Affekte – es sind Phänomene, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts unter der Deutungshoheit der Neurobiologie stehen. Der hier zugrundeliegende Materialismus (im philosophischen Sinn) scheint die Psychologie abgelöst zu haben und schreitet in der mathematisierten Kartierung unserer Hirne voran. Emotionen, Gefühle, Affekte – nur elektronische Impulse und Botenstoffe unter der Schädeldecke? Nicht zwingend, nicht ausschließlich. Nicht nur der populäre Neurobiologe Antonio Damasio hat den soziokulturellen Einfluss auf die Konstruktion unserer Emotionalität betont. Seit einigen Jahren erfährt die Affekt- und Emotionsforschung in den Sozialwissenschaften größeres Interesse und kontrastiert die hegemoniale Deutung naturwissenschaftlicher Forschung ohne diese völlig auszuschließen (vgl. Senge 2013: 20ff.). Eine besondere Berücksichtigung Brigitte Bargetz & Birgit Sauer: Politik, Emotionen und die Transformation des Politischen. Eine feministisch-machtkritische Perspektive weiterlesen

Subjektivierungsforschung quo vadis? Auf holprigen Wegen zwischen Kollektiv und Individuum

Tagungsbericht zu: Jenseits der Person. Die Subjektivierung kollektiver Subjekte, 06.-08. April in Leipzig

Von Frederik Metje, Clelia Minnetian, Daniel Staemmler und Ferdinand Stenglein

 

Unter dem Stichwort Jenseits der Person hatten Thomas Alkemeyer (Oldenburg), Martin Saar (Leipzig), Ulrich Bröckling und Tobias Peter (beide Freiburg) nach Leipzig geladen, um dort die Frage nach der Konstitution und Organisation von Kollektiven aus der Perspektive der Subjektivierungsforschung zu stellen.

Das Panorama der drei Tage bildete neben den Räumlichkeiten der Biblioteca Albertina eine grundlegende Feststellung: Untersuchungen von Subjektivierungsweisen mögen mittlerweile zwar fest zur sozialwissenschaftlichen Forschungslandschaft gehören, jedoch begrenzen sie sich oftmals auf Individuen. Demgegenüber erscheinen aber gerade Organisationen, Netzwerke und Gemeinschaften als Subjektivierungsmotoren entlang der Imperative von Teambildung und Kooperation sowie der Pluralisierung von Selbstentwürfen. Sie geben Anlass, den Blick nicht nur auf die Subjektivierung in, sondern ebenso von Kollektiven zu richten.

Zur Begrüßung gaben Ulrich Bröckling und Frank Alkemeyer jeweils einige subjektivierungs- bzw. Subjektivierungsforschung quo vadis? Auf holprigen Wegen zwischen Kollektiv und Individuum weiterlesen

Hans Blumenberg: Präfiguration

Realität oder Mythos? Derartig tritt der Mythosbegriff in allerlei Publikationen  als Gegensatz zu einer vermeintlich faktischen Wirklichkeit auf. Als in der Moderne längst überwundener Erfahrungsmodus haftet ihm der Eindruck des Phantastischen, Sagenhaften und schlichtweg Irrationalen an: Wenn er Sinn stiftet, dann ist dieser Sinn nicht beweisbar. Die gegenwärtige Renaissance des Nationalismus in Europa und der dazugehörigen Narrative legen jedoch nahe, dass Mythen auch im Zeitalter der Wissenschaft politische Relevanz beanspruchen. Man denke hier nur an Thesen zur vermeintlichen Bedrohung des nationalen Kollektivs wie sie bspw. von PEGIDA oder Erika Steinbach (CDU) Hans Blumenberg: Präfiguration weiterlesen