Zur Unterbrechung des regulatorischen Prozesses von Gender-Normen: Judith Butlers dynamisiertes Normverständnis (Lesekreis 2018 – Runde II)

Ich möchte diese Ausführung zu Butlers Text zu Gender-Regulierungen mit einem Aspekt beginnen, den sie zum Schluss des Textes anführt und in verschiedenen Essays des Buches Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen anspricht. Es handelt sich um verschiedene Formen sozialer Strafen bei Verstößen gegen die Geschlechternormen. Dazu gehören die operative Herrichtung von Intersex-Individuen, die medizinische und psychiatrische Pathologisierung und Kriminalisierung von Menschen mit einer ‚Gender-Dysphorie‘, die Schikanierung von genderuntypischen Personen im Alltag, die Diskriminierung bei Stellensuche und Gewalt (Butler 2017: 95).[1] Diesen Phänomenen, die enorme negative Wirkungen auf die Betroffenen haben, liegen spezifische Geschlechternormen zugrunde. Butler fragt nicht zuletzt deshalb nach der Art und Weise, wie eine solche Regulierung von Gender zustande kommt, wie sie funktioniert, sowie daran anschließend nach Möglichkeiten der Abweichung von der Norm, die den regulatorischen Prozess selbst unterbricht (Butler 2017: 91).

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Michel Foucault – Was ist Aufklärung? (Lesekreis 2018 – Runde I)

„Wenn henzutage [sic] eine Zeitschrift ihren Lesern eine Frage stellt, so tut sie dies, um sie nach ihrer Ansicht zu einem Thema zu fragen, zu dem jeder bereits seine Meinung hat: man läuft nicht Gefahr groß etwas dazuzulernen. Im 18.Jahrhundert wurde das Publikum vornehmlich zu Problemen befragt, auf die man eben noch keine Antwort hatte. Ob das effizienter war, weiß ich nicht; amüsanter aber war es“ (687)[1].

Mit diesen Worten beginnt ein Beitrag Michel Foucaults aus dem Jahr 1984, dem er einen gewichtigen Titel verlieh und der da heißt: ‚Was ist Aufklärung?‘ (Foucault 1992: 7; 40 f.). Es sei eine unachtsam aufgeworfene Frage, die 200 Jahre zuvor mit einem Text zweiten Ranges diskret in die Geschichte eingetreten sei, mit Immanuel Kants ‚Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?‘. Für Foucault markiert Kants Text ein historisches Ereignis[2], denn die aufgeworfene Frage habe die moderne Philosophie nie losgelassen (687). In diese Geschichte reiht sich auch Foucault ein. Auch er will wissen, „was das für ein Ereignis ist, das man die Aufklärung nennt“ (ebd.). Die folgenden Zeilen sollen sich Foucaults Beitrag widmen. Die ersten drei Abschnitte geben die drei inhaltlichen Teile seines Aufsatzes wieder, womit dessen Struktur aufrecht erhalten bleibt, während sich der letzte Abschnitt mit weiterführenden Fragen an den Text wendet.

I. Das Ereignis und ein Monatsblatt

Welch besserer Ansatzpunkt, um sich der titelnden Frage zu stellen, als die prominenteste Antwort, die bis heute als der zentrale Beitrag zum modernen Mündigkeitsverständnis gilt? Zur Entwicklung seines eigenen Michel Foucault – Was ist Aufklärung? (Lesekreis 2018 – Runde I) weiterlesen

Abbau und Umwidmung von Theoriestellen

Der theorieblog hat gerade einen Aufruf veröffentlicht, der ziemlich wichtig ist. Bei dem Aufruf geht es um den Abbau und die Umwidmung von Professuren und Mitarbeiter*innenstellen in der politischen Theorie. Dazu sollen zunächst Eindrücke und Erfahrungen zu dieser Beobachtung gesammelt werden. Den Aufruf möchten wir gerne unterstzützen und veröffentlichen ihn deswegen hier im Originaltext.

Immer wieder scheinen Stellen in der Politischen Theorie und Philosophie verloren zu gehen. Neuausschreibungen werden so formuliert, dass zusätzlich geforderte Extraqualifikationen den Charakter der Stelle verändern, etwa wenn ein Fokus auf empirische Politikwissenschaft (wie jetzt bei der Saar-Nachfolge in Leipzig) gesetzt wird oder ein ideengeschichtlicher Schwerpunkt in der Ausschreibung nicht mehr erwähnt wird (wie bei der Münkler-Nachfolge in Berlin). Damit wächst einerseits die Furcht vor fachfremden Berufungen, durch die andererseits das Profil der Disziplin verwässert wird, sodass womöglich bald kurzfristig Gefälliges als Politische Theorie firmiert und umso leichter eingespart zu werden droht.

Diesem weit verbreiteten und nicht unbestritten gebliebenen Eindruck möchten wir in der kommenden Zeit systematischer nachgehen und versuchen, den Abbau und die Umwidmung von Theoriestellen (Professuren und WiMi) zu sammeln und zu dokumentieren. Da wir keinen genauen Einblick in alle Institute in Deutschland haben, bitten wir um eure Mitarbeit: Wo stehen Theoriestellen aktuell auf dem Spiel? Wo sind in den letzten Jahren Stellungen umgewidmet worden oder ganz aus der Theorie abgewandert? Wie verändert sich auch grundsätzlich der Anteil von Theorie in Forschung und Lehre? Welche Gründe gibt es dafür? Welche Folgen hat das? Gibt/gab es Widerstand? Und auch: Welche positiven Entwicklungen seht ihr?

Wir erhoffen uns von diesem Crowdsourcing einen genaueren Überblick über die Entwicklung der Politischen Theorie und Philosophie im deutschsprachigen Raum. Bitte benutzt für eure Antworten in erster Linie den Comment-Bereich unter diesem Post. Ihr habt dabei auch die Möglichkeit, die Posts zu anonymisieren. Alternativ könnt ihr eure Erfahrungen und Informationen auch an team@theorieblog.de schicken. Wir sammeln diese und planen bei hinreichender Beteiligung einen eigenen Post zum Thema auf Grundlage der Kommentare und Einsendungen in den nächsten Monaten.

Prekäre Wissenschaft: Täglich grüßt das Murmeltier? Folge 1

Als AG Politische Theorie ist es uns ein Anliegen verschiedene Nachwuchswissenschaftler_innen zu vernetzten und miteinander ins Gespräch zu bringen — sei es über Tagungen, Workshops oder auf digitalem Weg. Wir freuen uns spannende Artikel, Calls oder Veranstaltungen mit Interessierten via Twitter, Facebook oder unserem Blog zu teilen oder über eigene Beiträge in Diskussion zu treten. 

Nicht selten stoßen wir hierbei auch auf Stellenausschreibungen, die wir nicht guten Gewissens weiterverbreiten können. Als Nachwuchswissenschaftler_innen sind wir uns der prekären Situation unter denen gegenwärtig Qualifikationsarbeiten verfasst werden, bewusst. Überbelastung durch zusätzliche Aufgaben in Administration oder Lehre, bis auf ein Jahr befristete Arbeitsverträge und Einschnitte in die private Lebensgestaltung sind nur einige der gegenwärtigen Probleme, mit denen Nachwuchswissenschaftler_innen der Geistes- und Sozialwissenschaften zu kämpfen haben. 

Indem wir uns der unkommentierten Weiterverbreitung solcher Stellen widersetzen, hoffen wir der Normalisierung prekärer Arbeitsverhältnisse zumindest symbolisch entgegen zu wirken sowie ein stärkeres Bewusstsein für solche Stellen zu schaffen. Stattdessen wollen wir mit unserer neuen Blogreihe „Prekäre Wissenschaft: Täglich grüßt das Murmeltier?“ auf die Problematiken solcher Stellenausschreibungen aufmerksam machen und diese vermeintlichen Ausnahmen von der Regel dokumentieren.

In diesem Sinne hier die erste Folge unserer neuen Reihe: 50% Mitarbeiter_innenstelle an der Universität Göttingen, Qualifikationsstelle, 19,5 Stunden, 5 SWS Lehre, Befristung 1,5 Jahre

Diskussionsoffen

Eure AG Politische Theorie 

Politische Theorie oder politische Theorie? (Teil III)

Von Clelia Minnetian, Frederik Metje, Janosik Herder & Verena Häseler

Panel 5: Heterogenität des Politischen

Das fünfte Panel befasst sich mit dem Thema der Heterogenität des Politischen. Jeanette Ehrmann beschäftigt sich mit der Haitianischen Revolution mit dem Ziel einer Dekolonisierung des Politischen. Im zweiten Vortrag präsentieren Sebastian Huhnholz und Karsten Fischer ihre Überlegungen zum Politischen und der Orestie. Abschließend geht Alexander Weiß auf den Begriff des Politischen bei Wang Hui und Chantal Mouffe ein und präsentiert ein schematisches Modell mit dem Ergebnis, dass sowohl der Maoismus als auch der Liberalismus entpolitisierend wirken, da beide zu schwindender Resonanz und Kontingenz führen.

Vortrag: Martin Nonhoff: Radikale Demokratie oder Populismus? Spielarten des Politischen in der Hegemonietheorie

Martin Nonhoff fokussiert in seinem Vortrag die Unterscheidung zwischen radikaler Demokratie und Populismus, wobei er sich gegen die Verwendung des Populismusbegriffes für neue emanzipative politische Projekte ausspricht, wie dies etwa durch Chantal Mouffe vertreten wird. Denn – so seine These – besteht zwischen dem Populismus und der radikalen Demokratie zwar eine gewisse Ähnlichkeit, allerdings zeigen sich bedeutende Unterschiede in Bezug auf das Herrschaftsverständnis. Radikaldemokratische Perspektiven Politische Theorie oder politische Theorie? (Teil III) weiterlesen

Politische Theorie oder politische Theorie? (Teil II)

Von Clelia Minnetian, Frederik Metje, Janosik Herder & Verena Häseler

Panel 3: Grenzgänge des Politischen

Das dritte Panel beginnt leider mit der Ankündigung, dass Leonie Tuitjer krankheitsbedingt ausfällt, sodass sich nur zwei Beiträge des Grenzganges des Politischen annehmen. Die erste Grenze ist jene, die sich in den letzten Jahrzehnten zwischen politischer Wissenschaft und Didaktik etabliert hat und von Werner Friedrichs überschritten wird. Dieser macht zwei Varianten aus, in denen das Politische in der Politischen Bildung zum Tragen kommen kann: Als Lerngegenstand befindet sich das Politische gegenwärtig im Verschwinden, so versucht die Politische Bildung der derzeitigen Politikverdrossenheit durch mehr oder abstraktes Wissen zu begegnen. Gegen diese Tendenz bringt Friedrichs drei Thesen vor, die die Politische Bildung durch die ihr unbekannte Debatte um das Politische rekonzipieren sollen: Das Politische könne als Artikulationsraum, als Unentscheidbarkeit (gegen den Zwang zum Urteil) und als Unterbrechung in der Bildungspraxis wirken.

Mareike Gebhardt überschreitet im Anschluss eine andere Grenze – die der institutionell eng geführten Politiken – mit Hilfe des Spuks des Politischen. In Rekapitulation der Dissoziationskonzepte von Butler, Rancière und Lorey diagnostiziert sie diesen spezifische Dekonstruktionsweisen im Präsens. Auf dieser Grundlage fragt sie mit Derrida, wie eine dekonstruktive Politiktheorie eine nicht relativistische Position zu den gegenwärtigen Ethnonationalismen Politische Theorie oder politische Theorie? (Teil II) weiterlesen

Politische Theorie oder politische Theorie? (Teil I)

Von Clelia Minnetian, Frederik Metje, Janosik Herder & Verena Häseler

Einleitend zum Politischen (in) der Politischen Theorie

Die DVPW-Sektionstagung Das Politische (in) der Politischen Theorie vom 27. bis 29.09.2017 in Hannover wurde von den drei Organisator*innen Franziska Martinsen, Oliver Flügel-Martinsen und Martin Saar veranstaltet. Einleitend führt Oliver Flügel-Martinsen einige zentrale Dimensionen des Politischen aus, mit denen er das Thema der Tagung grob umreißt: (1) Das Politische als Umgestaltung, als Emanzipatorisches und Subversives. (2) Das Politische als Dimension, die über Institutionen und die institutionalisierte Politik hinausgeht und dabei etwas Fließendes, Bewegliches, Dynamisches ist. (3) Von einer Perspektive des Politischen aus über Politik nachdenken – von einem Verständnis der Gesellschaft ausgehend, dass sie unabschließbar und immer wandelbar ist. (4) Das Politische als etwas, das beschreibt, wie Diskurse auf Institutionen und Subjekte wirken und diese dadurch konstituiert werden. (5) Politische Theorie mit dieser Perspektive anders zu verstehen und damit eine kritische Betrachtung vornehmlich empirischen und inkrementellen sowie normbegründenden Modellen entgegenzusetzen. (6) Mit einem solchen Fokus zeitdiagnostisch vorzugehen und damit die Gegenwart (etwa hinsichtlich Rechtsradikalismus) in den Blick zu nehmen, die momentan durch eine auf Verständigung orientierte Politik geprägt ist.

Bereits diese einführenden Worte machen deutlich, dass die Tagung aus einer Perspektive formuliert wurde, die Politische Theorie potentiell als kritische Wissenschaft versteht. Gerade angesichts der gegenwärtigen politischen Entwicklungen bot die Tagung Raum zur Politische Theorie oder politische Theorie? (Teil I) weiterlesen